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In den nächsten Jahren werden die Leitlinien und Empfehlungen in Bewertungsgrundlagen überführt. In der Folge müssen zahlreiche, für Trinkwasseranwendungen eingesetzte, Rohstoffe erneut Prüfungen unterzogen werden, um eine Zulassung zu erhalten. Der Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (wdk) und die beteiligten Industriepartner suchen nach Lösungen, wie dies zu leisten ist und wer die Kosten dafür trägt.

Rund 4,5 Milliarden Kubikmeter Trinkwasser werden jährlich in Deutschland verbraucht. Das sind 10 Prozent mehr, als das gesamte Fassungsvolumen der 360 deutschen Talsperren und Stauseen. Trotz des enormen Volumens gilt Trinkwasser als das am besten kontrollierte Lebensmittel. Ein Baustein zur Sicherstellung einer gleichmäßig hohen Trinkwasserqualität ist die Unbedenklichkeit der in Aufbereitungsanlagen und im Verteilungssystem eingesetzten Materialen.

Zulassungsfrist für KTW-Rezepturen endet 2016
Für Elastomer-Erzeugnisse wie Membranen, Dichtungen und Auskleidungen galten bislang die Anforderungen der KTW-Empfehlung (Kunststoffe im Trinkwasser) Teil 1.3.13 „Gummi aus Natur- und Synthesekautschuken“, im Wesentlichen eine Liste von Rohstoffen und Kautschukchemikalien, deren Verwendung als unbedenklich eingestuft wurde sowie die Beschreibung der notwendigen Prüfverfahren. Zwischenzeitlich hält das Umweltbundesamt (UBA) die KTW-Empfehlung mit Blick auf die hygienische Sicherheit von Elastomeren im Kontakt mit Trinkwasser nicht mehr für ausreichend und hat die Empfehlung zum 31.12.2011 zurückgezogen.
Prüfzeugnisse konnten nur noch bis zum 31.12.2011 auf der Grundlage der KTW-Empfehlung erteilt werden. Damit endet die Zulassung von Elastomeren im Kontakt mit Trinkwasser zum 31. 12. 2016. Nach diesem Datum werden keine Elastomer-Erzeugnisse, die auf Rezepturen der KTW-Stoffliste basieren, im Trinkwasserbereich eingesetzt werden.

Von der KTW-Empfehlung zur Elastomerleitlinie
An die Stelle der zurückgezogenen Empfehlung tritt die Leitlinie zur hygienischen Beurteilung von Elastomeren im Kontakt mit Trinkwasser (Elastomerleitlinie), die vom UBA in Zusammenarbeit mit der KTW-AG, das ist die gemeinsame Arbeitsgruppe der UBA-Trinkwasserkommission und der Bedarfsgegenständekommission des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) zur hygienischen Beurteilung von Kunststoffen und anderen nichtmetallischen Materialien im Kontakt mit Trinkwasser, und dem Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.?V. (wdk) erstellt wurde.
Mit der im August 2012 im Bundesgesundheitsblatt erschienenen Elastomerleitlinie wurde ein Paradigmenwechsel bei der Stoffzulassung vollzogen. Es können künftig nur noch Stoffe verwendet werden, die ein Zulassungsverfahren nach den Regularien der europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) durchlaufen haben oder für die beim UBA ein Zulassungsantrag gestellt und positiv entschieden wurde. Des Weiteren legt die Leitlinie die Testmethoden fest und bestimmt maximale Prüfwerte, die als Grenzwerte angewandt werden.
Obwohl die Leitlinie rechtlich nicht verbindlich ist, werden nach dem 31. Dezember 2016 nur noch Elastomer-Erzeugnisse auf der Basis zugelassener Stoffe auf den Markt gebracht werden können. Deshalb besteht eine große Notwendigkeit und hohe Dringlichkeit, dass entsprechende Stoffanträge beim UBA gestellt werden. Denn „ohne Elastomere ist keine Trinkwasserversorgung in Deutschland möglich. Und ohne toxikologische Daten zu den verwendeten Rohstoffen wird ab dem 1. Januar 2017 keine Produktion von Elastomer-Erzeugnissen für den Einsatz in der Trinkwasserversorgung mehr geben“, verlautbarte Boris Engelhardt, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie e.?V. (wdk), anlässlich eines Branchen-Spitzengesprächs am 12. Juni 2014 in Frankfurt am Main.

Kooperation vorantreiben
Beim wdk haben die Vertreter der maßgeblichen Hersteller von Elastomer-Erzeugnissen für den Trinkwasserkontakt und der Rohstoffindustrie an einem Spitzengespräch über die Elastomerleitlinie teilgenommen. Das Umweltbundesamt, das in enger Kooperation mit dem wdk die Umsetzung der Elastomerleitlinie vorantreibt, vervollständigte den Teilnehmerkreis.
Der Anlass zu dem Spitzengespräch der Kautschukbranche ist der sich abzeichnende Versorgungs-Stopp mit Rohstoffen. „Ohne toxikologische Daten zu Peroxiden, Alterungsschutzmitteln und schwefelbasierten Vernetzungsmitteln wird es nach dem 31. Dezember 2016 keine Elastomer-Erzeugnisse für Trinkwasseranwendungen mehr geben“, skizzierte Engelhardt die Situation und verweist auf die Konsequenzen: „Das würde bedeuten, abdichten, fördern, verbinden, allesamt Schlüsselfunktionen im Trinkwassernetz, sind nicht mehr zuverlässig gewährleistet.“
Die Branche hat nach eingehender Beratung in Frankfurt am Main entschieden, Konsortien zur Erarbeitung von Stoffanträgen für Rohstoffe mit hoher Priorität zu bilden. Grundlage der Stoffanträge und damit Voraussetzung für eine künftige Zulassung der Rohstoffe, sind toxikologische Stoffdaten. „Wir orientieren uns an der Vorgehensweise zur Registrierung von Stoffen nach der europäischen REACh-Verordnung“, erläuterte Engelhardt das weitere Vorgehen. „Unser Ziel ist es, gemeinsam, Zulieferindustrie und Hersteller von Produkten, für die Trinkwasserversorgung Stoffanträge zu stellen, um auch zukünftig eine sichere Versorgung des Verbrauchers mit dem hohen Gut Trinkwasser zu gewährleisten“, betonte Engelhardt abschließend.

Nachgehakt – Wie Marktteilnehmer mit der Elastomerleitlinie umgehen
Und wer trägt die Kosten?

KGK     Wie schätzen Sie die Motivation und die Zielsetzung der Leitlinie zur hygienischen Beurteilung von Elastomeren im Kontakt mit Trinkwasser (Elastomerleitlinie) ein ?

Bertrand
Verbindliche hygienische Bewertungsgrundlagen für Materialien und Werkstoffe im Kontakt mit Trinkwasser sind grundsätzlich zu begrüßen. Das Ziel, nur sichere Rohstoffe und Produkte im Markt zuzulassen, ist wichtig und verlangt nach konsequenter Umsetzung.
Töpfer Verbraucherschutz steht heute in allen Bereichen Deutschlands und Europas an erster Stelle. Die neue Elastomerleitlinie kann hier zu mehr Klarheit beitragen. Sie ist zwar keine Rechtsnorm und daher unverbindlich, soll aber in naher Zukunft in eine verbindliche Bewertungsgrundlage überführt werden. Damit ist die Elastomerleitlinie nicht nur für den deutschen Markt das „Maß der Dinge“, sondern könnte auch für eine künftige europäische Regelung richtungsweisend sein, denn sie setzt einen sehr hohen Standard was den Verbraucherschutz anbelangt.
Spittel Die Probleme treten eher bei der Umsetzung auf. Hier drängt sich der Eindruck auf, dass an der Realität vorbei geplant wurde. Auch die Analyseverfahren scheinen noch nicht ganz ausgereift zu sein. Andererseits erwarten wir mit dem Fortschritt der Entwicklung der Analysemöglichkeiten auch eine Weiterentwicklung der Anforderungen. Die Anforderungen an Elastomere in Kontakt mit Trinkwasser werden also in den nächsten Jahren wahrscheinlich noch weiter steigen. Hier sind insbesondere die Test der mikrobiologischen Eigenschaften zu nennen.
Rinnbauer Seit mehreren Jahren wurde hierzu im wdk Arbeitskreis gemeinsam mit Rohstoffherstellern und Anwendern über die zu verwendenden Rohstoffe und das Prüfverfahren diskutiert, um eine praktikable Lösung zu finden. Allerdings wurde  der Umfang der toxikologischen Bewertung der Stoffe auf Positivliste 2, hier insbesondere der Peroxide, unterschätzt. Wenn diese Stoffe nicht innerhalb der Frist auf die Positivliste 1 transferiert werden, wird es keine elastomeren Dichtungswerkstoffe im Trinkwasserbereich geben, die alle Anforderungen erfüllen.

KGK –  Welche Rolle spielt die neue Richtlinie für Ihre Produkte?
Können Sie ein Beispiel nennen?

Bertrand Behn Meyer Europe handelt Beschleuniger, die von ihrer Schwestergesellschaft Performance Additives (Italy) S.p.A. hergestellt werden. Einige dieser Beschleuniger finden Anwendung bei Produkten mit Trinkwasserkontakt und wurden vom wdk auf die Liste mit den wichtigsten Rohstoffen gesetzt, die für die Verwendung auch nach 2016 bewertet werden müssen.
Töpfer Contitech stellt verschiedene Produkte für den Einsatz im Kontakt mit Trinkwasser her. Als Beispiele sind insbesondere Druckausgleichsmembranen, Kompensatoren zur Verbindung von Rohrleitungen und Schläuche zu nennen. Dabei erfüllen wir gesetzliche Vorschriften, sind teilweise besser. Um diese Produkte auch in Zukunft herstellen zu können, müssen die verwendeten Stoffe bewertet werden. Erst dann kann entschieden werden, ob und welche Rezepturen geändert werden müssen. Diese Bewertung ist aus Kosten- und Zeitsicht eine große Herausforderung – nicht nur für Contitech, sondern für den ganzen Markt.  
Spittel Wir stellen Elastomermischungen für den Anwendungsbereich im Kontakt mit Trinkwasser her. Unsere Mischungen sind zum größten Teil bereits nach der neuen Leitlinie zertifiziert. Unser Problem liegt einzig und allein noch in der Aufnahme bzw. Überführung einiger Rohstoffe in die Liste 1.
Unsere Mischungen werden an diverse Kunden in ganz Europa und teilweise auch Asien verkauft. Die meisten unserer Kunden verfügen auch über die entsprechenden Zertifikate und Teilefreigaben. Sollte es also dazu kommen, dass einige Rohstoffe nicht auf die Liste 1 übertragen werden können, würde es für uns und unsere Kunden einen sehr hohen Aufwand bedeuten. Neue Mischungen müssten entwickelt, zertifiziert und beim Kunden qualifiziert werden. Die Kunden müssten dann neue Teilefreigaben erwirken. Die Prüfinstitute wären dann mit Aufträgen überschwemmt und entsprechend lange Wartezeiten bei den Zertifizierungen sind zu erwarten.
Rinnbauer Die Marktsegmente für Lebensmittel und Trinkwasser gehören bei Freudenberg zu den strategischen Bereichen, in denen wir wachsen wollen. Wir richten unsere Produkte entsprechend an den neuen Richtlinien aus. Es steht nur eine begrenzte Auswahl an Rohstoffen zur Verfügung, und gleichzeitig muss eine gute Performance zum Beispiel in Alterung und Langzeitverhalten erzielt werden. Insbesondere die limitierte Anzahl an EPDM Polymeren, die durch das Umweltbundesamt freigegeben sind, schränken das Eigenschaftsbild der Dichtungswerkstoffe ein. Seit 2012 entwickelt Freudenberg Sealing Technologies neue EPDM Werkstoffe in unterschiedlichen Härtegraden, die den neuen Anforderungen gerecht werden. Der Werkstoff 70 EPDM 335 wurde nach der neuen Elastomerleitlinie und dem DVGW Arbeitsblatt W 270 geprüft und positiv bewertet. Weitere Werkstoffe befinden sich derzeit in Prüfung. Erste Musterdichtungen wurden bei unseren Kunden bereits positiv getestet und können jederzeit in Serie geliefert werden. Unter der Voraussetzung, dass die Peroxide, die zur Vernetzung unerlässlich sind, auf die Positivliste 1 kommen, ist der Werkstoff 70 EPDM 335 – auch über den 31.12.2016 hinaus – im Trinkwasserbereich einsetzbar.

KGK –   Wie wird das Thema mit Ihren Kunden beziehungsweise Lieferanten besprochen?

Bertrand Diese Rohstoffe und die Anforderungen  sind Thema bei persönlichen Kundenbesuchen.
Töpfer Unsere Kunden vertrauen darauf, dass wir unsere Produkte auch in Zukunft ohne Einschränkung des technischen Eigenschaftsprofils und ohne Anpassung der Rezepturen liefern können. Im engen Dialog mit unseren Lieferanten arbeiten wir daher intensiv daran, möglichst viele bislang nur toxikologisch teilbewertete Stoffe aus Teil 2 der Positivliste auf den Teil 1 der Positivliste zu überführen. Dafür sind aber teilweise sehr kostspielige Laborprüfungen nötig.
Spittel Mit unseren Kunden pflegen wir eine offene und ehrliche Kommunikation. Sie kennen die Problematik und diskutieren das Thema sehr intensiv und konstruktiv mit uns.
Auch die Lieferanten werden von uns mit in die Pflicht genommen. Auch hier treffen wir zum größten Teil auf offene Ohren. Die Lieferanten verstehen zwar die Situation, sind aber nicht alle bereit umfänglich zu helfen. Die zu erwartenden Kosten für die Prüfung der Rohstoffe sind doch sehr hoch.
Rinnbauer Aufgrund der sensiblen Thematik fragen wir bei unseren Rohstofflieferanten konkret nach, ob die von uns verwendeten Rohstoffe den Anforderungen der neuen Leitlinie entsprechen. Gleichzeitig kommunizieren wir mit unseren Kunden die Hürden, die es zu bewältigen gilt. Bei uns und unseren Kunden sorgt für Verunsicherung, dass Peroxide, die wir für die Vernetzung des Elastomers benötigen, zur Zeit auf Positivliste 2 stehen, und (theoretisch) ab 2017 laut Elastomerleitlinie nicht mehr verwendet werden dürfen, sofern diese nicht vollständig toxikologisch bewertet sind.

KGK –   Besteht beim Konsumenten ein Bewusstsein für diese Regulierung? Wie schätzen Sie den Nutzen für den Endverbaucher ein?

Bertrand Obwohl der Nutzen einer solchen Richtlinie für den Endverbraucher offensichtlich hoch ist, ist nach unserer Erfahrung das Bewusstsein des Konsumenten dafür eher niedrig.
Töpfer Viele Kunden und Endverbraucher haben sich noch nicht so intensiv mit der Thematik befasst. Es ist daher notwendig, dass wir und auch der Verband im engen Dialog mit unseren Kunden und Endverbrauchern sind und über den Fortgang informieren.
Spittel Wenn man als Konsumenten die Wasserverbraucher in Privathaushalten etc. sieht, dann besteht dort sicher nur begrenzt ein Bewusstsein für die Regulierung. Bei den Verarbeitern unserer Mischungen und z.B. den Armaturenherstellern gibt es hingegen ein großes Bewusstsein. Der Nutzen für den Endverbraucher ist sicherlich vorhanden, da die Regulierung eine höhere Sicherheit bietet. Andererseits kann es auch mit der neuen Regulierung keine 100% Kontrolle geben.
Rinnbauer Ich glaube, dass der Endverbraucher dieses Thema derzeit nicht bewusst wahrnimmt. Es sollte jedoch im Interesse aller sein, dass Trinkwasser als unser höchstes Gut nicht verunreinigt wird. Letztendlich muss sichergestellt werden, dass alle Dichtungen unabhängig von Ursprung und Preis den gleichen Prüfkriterien unterworfen werden. Nur so gibt es Chancengleichheit unter den Anbietern und einen tatsächlichen Schutz der Endverbraucher.

KGK  – Welche Strategie verfolgen Sie, um für Ihre Produkte die Erfüllung der Leitlinie sicherzustellen? Was erwarten Sie von Ihren Partnern und den anderen Marktteilnehmern?

Bertrand Als Handelsunternehmen können wir nur eine begrenzte Mittlerrolle zwischen den Bedürfnissen der Rohstoffproduzenten einerseits und der Verarbeiter andererseits einnehmen. Aus unserer Sicht müssen diese nun dringende Anstrengungen unternehmen, um rechtzeitig eine ausreichende Auswahl Rohstoffe richtliniengemäß bewertet zu haben.
Töpfer Um ab 2017 weiter uneingeschränkt produzieren zu können, ist ein gemeinsames Vorgehen der Branche unerlässlich. Unser Ziel ist es darum – gemeinsam mit dem WdK, unseren Lieferanten und Kunden – möglichst viele der heute verwendeten Stoffe auch in Zukunft nutzen zu können, sie also auf den Teil 1 der Positivliste zu überführen.
Spittel Wie erwähnt sind der größte Teil unserer Mischungen bereits nach der neuen Leitlinie zertifiziert. Wir können also davon ausgehen, dass auch die anderen Mischungen nach der neuen Leitlinie zertifiziert werden können. Aber es müssen eben noch einige Rohstoffe auf die Liste 1 gebracht werden. Schwierig wird es mit der Aufteilung der zu erwartenden Kosten für die Beurteilung der Rohstoffe. Hier hat der Gesetzgeber eine sehr schwierige Situation geschaffen. Wer nicht bei den Stoffanträgen mitarbeitet, egal ob als Verarbeiter oder als Hersteller der Rohstoffe, profitiert am Ende von einer Aufnahme der chemischen Substanzen in die
Liste 1. Es gibt hier keine Abstufungen nach Herstellern, sondern die Substanz an sich wird geprüft und beurteilt. Es ist also zunächst mal egal von welchem Hersteller die Substanz kommt. Dies kann aber bei der Zertifizierung der Mischungen bzw. der Teilefreigabe zu Problemen führen.
Rinnbauer Die größte Bedeutung hat für uns derzet die toxikologische Bewertung der Peroxide, damit diese auf die Positivliste 1 transferiert werden. Hier sind wir bereits im Gespräch mit unseren Lieferanten, aber leider können wir als Anwender nur bedingt Einfluss nehmen. Um die immensen Kosten für eine toxikologische Bewertung der verschiedenen Stoffe zu schultern, wurden über den wdk Konsortien aus Anwendern und Rohstofflieferanten gegründet. Wir hoffen auf eine zügige Evaluierung der Stoffe bis zum Jahr 2017.

KGK –  Wie schätzen Sie die Folgen der Leitlinie ein, in der Praxis, wirtschaftlich und politisch, auch im globalen Kontext? Befürchten Sie beispielsweise einen Engpass in der Rohstoffversorgung? Oder sehen Sie Wettbewerbsvor- oder nachteile für bestimmte Marktteilnehmer?

Bertrand Die Richtlinie beinhaltet unseres Erachtens in ihrer jetzigen Fassung eine grundsätzliche Problematik: Sie erwartet die toxikologische Bewertung von chemischen Substanzen im Allgemeinen, nicht bezogen auf den Inverkehrbringer, wie es bspw bei REACH der Fall ist. Das hat weitreichende Folgen. Angenommen, ein Produzent lässt mit hohem 5 oder 6-stelligem Kostenaufwand sein Produkt (z.B. ZBEC) bewerten. Sobald ZBEC dann für den Trinkwasserkontakt zugelassen ist, können auch alle anderen Produzenten von ZBEC ihr Produkt verkaufen, ohne Kostenbeteiligung und ohne Nachweis, daß dieses nicht mit anderen Substanzen kritisch verunreinigt ist. Somit wird jeder Rohstoffproduzent, der die Zulassung anstrebt, in eine unbillig schlechte Wettbewerbssituation gezwungen. Ebenso findet sich jeder Kautschukverarbeiter, der sich an der Zulassung finanziell beteiligt, in einer solchen Lage wieder. Obwohl er hohe Zusatzkosten hat, können auch seine Marktbegleiter Produkte unter Verwendung der zugelassenen Rohstoffe herstellen und vermarkten, ohne sich an den Kosten zu beteiligen. Diese Erkenntnis zusammen mit dem relativ kleinen Marktsegment hat vermutlich zu der bisherigen Zurückhaltung der Marktteilnehmer geführt, die nötigsten Substanzen zur Zulassung zu bringen.
Töpfer Parallel zur Bewertung der bislang genutzten Stoffe  suchen wir in allen unseren Bereichen mit Hochdruck nach Lösungen, um unsere Kunden auch künftig mit allen gewünschten Produkten beliefern zu können.
Spittel Es ist zu erwarten, dass die Lieferanten, die sich bei den Stoffanträgen beteiligen, von den Verarbeitern bevorzugt
behandelt werden. Eine Garantie gibt es aber nicht. Außerdem nehmen wir an, dass die Kosten für die Stoffanträge über die Rohstoffkosten an die Endverbraucher weiter gegeben werden. Letztendlich  trägt der Verbraucher wieder die Kosten. Einen Engpass in der Rohstoffversorgung erwarten wir nicht. Wir gehen davon aus, dass die für den Kontakt mit Trinkwasser benötigten Mengen an Rohstoffen doch sehr klein sind im Verhältnis zu den produzierten Mengen. Sollten einige Rohstoffe aber nicht auf die Liste 1
(Positivliste) gebracht werden, wird sich die Auswahl der zur Verfügung stehenden zertifizierten Mischungen reduzieren, da alle Compounder mehr oder weniger ähnliche Mischungen anbieten müssten.  Ob das dann im Sinne einer freien Marktwirtschaft ist…
Rinnbauer Mit der Elastomerleitlinie wird Klarheit geschaffen, dass zukünftig nur toxikologisch unbedenkliche Stoffe in Elastomerdichtungen verwendet werden. Hieraus ergibt sich, dass sich alle Dichtungshersteller, die in Deutschland in den Trinkwasserbereich liefern, zertifizieren lassen müssen. Es wird sich zeigen, ob alle Anbieter den Anforderungen gerecht werden. Einen Engpass in der Rohstoffversorgung sehe ich nicht. Allerdings kann es sein, dass Stoffe aus Positivliste 2 aufgrund zu geringer Umsatzmengen nicht toxikologisch bewertet werden und somit in Zukunft nicht mehr für Trinkwasseranwendungen zur Verfügung stehen. Als Dichtungshersteller bedeutet das, dass uns nur eine begrenzte Zahl an Rohstoffen zur Verfügung steht, aus denen Dichtungswerkstoffe hergestellt werden. Die Herausforderung bei der Werkstoffentwicklung wird sein, zum einen den hygienischen Anforderungen im Sinne der TrinkWV2001 und zum anderen auch den technischen Anforderungen unserer Kunden gerecht zu werden.
Aus wirtschaftlicher und politischer Sicht wäre es wünschenswert, wenn die Elastomerleitlinie als Vorlage für eine übergeordnete Regelung in der Europäischen Union dienen könnte und es nur eine Positivliste und gleiche Prüfbedingungen in allen EU-Mitgliedsstaaten geben würde. In der Praxis ist es derzeit so, dass in jedem Mitgliedstaat zum Teil andere Positivlisten und Anforderungen gelten. Das heißt, wir müssen unsere Werkstoffe in den jeweiligen Ländern zertifizieren lassen, was mit einem hohen Zeitaufwand und auch Kosten verbunden ist.

KGK – Was erwarten Sie von den beteiligten Marktteilnehmern und von der Politik hinsichtlich der Leitlinie und deren Um-
setzung?

Bertrand Die oben ausgeführte Problematik ist ausschließlich von der Politik zu lösen. Die Richtlinie sollte in Richtung einer herstellerbezogenen Zulassung (wie bei REACH oder auch Bioziden) modifiziert und ein entsprechender Zeitraum für die Umsetzung eingeräumt werden. Die Richtlinie in ihrer jetzigen Form lässt die Gefahr offen, daß nach 2016 nicht genügend Rohstoffe für die Herstellung von Produkten im Trinkwasserkontakt zur Verfügung stehen.
Töpfer Bis 2017 ist es nicht mehr weit. Ich denke, wir müssen übergreifend enger zusammenarbeiten, um schnell verlässliche Daten zu haben.
Spittel Es wird jetzt sehr schwierig werden den Zeitplan bis Ende 2016 einzuhalten. Seitens der Industrie ist der Wille vorhanden die Stoffanträge zu unterstützen. Derzeit kann aber noch keiner die letztendliche Summe der Kosten, sowie den dafür notwendigen Aufwand abschätzen. Ich persönlich kann mir daher möglicherweise eine Verlängerung der Übergangsfrist über das Ende 2016 hinaus vorstellen. Aber das wird nur die Notlösung sein. Von der Politik können wir wohl keine Hilfe erwarten. 
Rinnbauer Von der Politik erwarten wir, nicht nur die nationale Gesetzgebung im Blick zu haben, sondern die Trinkwasserrichtlinie auch auf Europäischer Ebene zu harmonisieren. Letztendlich wird die Elastomerleitlinie auch Auswirkungen auf andere Märkte wie Lebensmittel, Medizin und Pharma haben.

 

 

Über den Autor

Helmut Hirsch, Pressesprecher, wdk e.V., Dr. Etwina Gandert, Redaktion KGK