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Doch es gibt Alternativen zum Verbrennen. Eine davon wird in den Vereinigten Staaten bereits erfolgreich genutzt – als Gummi-Asphalt im Strassenbau – und nun auch in Deutschland.

Die Wiederverwertung von Kautschukabfällen ist nahezu so alt wie die industrielle Verwendung von Gummi selbst. Bereits kurz nach Entdeckung der Vulkanisation gab es erste Versuche von Goodyear und Hancook, diesen Prozess rückgängig zu machen, um die Wiederverwertung von Produktionsabfällen zu ermöglichen. 1870 gründete E. H. Clapp in Boston das erste Unternehmen zur Wiederaufbereitung von gebrauchten Gummiabfällen. Schon bei diesem ersten Recycling-Verfahren wurden Gummiabfälle zerkleinert und anschließend von Textilresten und sonstigen Fremdstoffen befreit. Die beiden Verfahrensschritte Mahlen und Separieren sind auch heute, gut 150 Jahre später, immer noch die wesentlichen Bestandteile jeder Gummi-Recycling-Anlage. Um das Jahr 1900 konnte die Kautschukproduktion auf den Plantagen kaum noch mit der rasant ansteigenden Nachfrage mithalten. Der damit einhergehende drastische Anstieg des Gummipreises führte zu einem ersten Boom in der Gummi-Recycling-Industrie. 1915 gab es allein in den USA über 50 große Betriebe, die einen preiswerteren Ersatz für den damals sehr teuren Rohkautschuk herstellten. Wie die Inserate aus jener Zeit nahelegen, gab es in jener Zeit auch in Deutschland eine Vielzahl von Unternehmen, die Mahlgut und Regenerat herstellten. (Inserate aus den frühen 1900er Jahren) Als Folge eines drastischen Preisverfalls für Rohkautschuk in den 1920er Jahren wurde das Wiederaufbereiten von Kautschukabfällen kommerziell uninteressant und viele Mahl- und Regenerierbetriebe stellten spätestens im Zuge der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre ihren Betrieb ein. Auch in den Jahrzehnten danach ging die technische und wirtschaftliche Entwicklung der Gummi-Recycling-Industrie Hand in Hand mit den erratischen Schwankungen der Rohstoffpreise. Diese Entwicklung kann bis heute beobachtet werden.

Zwischen ökologischem Anspruch und Marktrealität

Der erste Boom in der Gummi-Recycling-Industrie der frühen 1900er Jahre scheint sich gegenwärtig zu wiederholen, wenngleich die Gründe hierfür diesmal nicht nur in den üblichen Gesetzmäßigkeiten von Nachfrage und Angebot zu suchen sind. Wichtige gesetzgeberische Maßnahmen (allen voran das EU-weite Deponieverbot für Altreifen sowie die EU-Richtlinie über Altfahrzeuge) sowie großzügige finanzielle Anreize für die Neugründung von Granulierbetrieben haben dazu geführt, dass in den letzten 20 Jahren in ganz Europa eine Vielzahl von Altreifen-Recycling-Anlagen entstanden sind.
Gegenwärtig liegt die Verarbeitungskapazität aller Granulierbetriebe in Deutschland allein bei etwa 300.000 Jahrestonnen an Reifen-Input. Bei voller Auslastung könnten diese Betriebe jährlich etwa 200.000 Tonnen Gummi-Granulat herstellen. Die tatsächlich produzierte und verkaufte Menge dürfte deutlich geringer sein, weil in einigen Marktsegmenten, etwa im Sportplatzbau, die Nachfrage in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen ist. Vielsagend ist auch der aktuelle Marktpreis für Gummigranulat. Während sauberes, stahl- und textilfreies Gummigranulat aus Altreifen bereits für etwas mehr als 100 Euro pro Tonne angeboten wird, liegt der Preis für Rohöl, welches einen vergleichbaren Energiegehalt hat, bei etwa 430 Eur pro Tonne. Bedenkt man ferner, dass für die Herstellung einer Tonne Gummi ein Vierfaches der darin enthaltenen Energiemenge aufgewendet werden muss, wird deutlich, in welcher Schieflage sich der Markt für Gummigranulat gegenwärtig befindet. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass in den vergangenen beiden Jahren viele Granulierbetriebe vom Markt verschwunden sind, während andere zwar noch in Betrieb sind, aber seit Jahren Verluste einfahren.
Falls es der Altreifen-Recycling-Industrie nicht gelingen sollte, neue Märkte und Anwendungen für die stoffliche Wiederverwertung zu erschließen, ist eine weitere Marktbereinigung unausweichlich. Dies hätte zur Folge, dass die energetische Verwertung in Zementwerken – zumindest kurz- bis mittelfristig – der mit Abstand wichtigste Entsorgungsweg für Altreifen bliebe. Derzeit finden in den meisten industrialisierten Ländern etwa 40?% der Altreifen ihren Weg als Ersatzbrennstoff in Zementwerke. Unter dem Aspekt der Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit ist dieser Entsorgungsweg sicherlich fragwürdig. Doch so lange es nicht genügend wirtschaftlich tragfähige Anwendungen für die stoffliche Wiederverwertung gibt, ist die energetische Verwertung von Altreifen in Zementwerken ein sicherer und verlässlicher Entsorgungsweg. Altreifen können bei den dort vorherrschenden hohen Verbrennungstemperaturen problemlos und umweltschonend verfeuert werden. Die Stahleinlagen der Reifen oxidieren und werden zu einem Bestandteil des Zements, sodass man zumindest von einer partiellen stofflichen Verwertung von Altreifen sprechen kann.

Potenzial des Gummi-Recyclings

Da die Reifenindustrie etwa 65 % der weltweit produzierten Gummimenge verbraucht, ist es naheliegend, hier auch den größten potenziellen Absatzmarkt für Recycling-Gummi zu vermuten. Zwar werden in der Reifenindustrie seit jeher geringe Mengen an Gummimehl und Regenerat eingesetzt, doch dies geschieht nicht aus Kostengründen, sondern vorwiegend deshalb, weil ein geringer Anteil an Gummimehl und Regenerat die Verarbeitungseigenschaften positiv beeinflusst.
Ein mengenmäßig bedeutenderer Einsatz von Recyclingmaterial bei der Produktion von Neureifen scheitert jedoch daran, dass Gummimehl und Regenerat letztlich ein schwer zu definierendes Stoffgemisch aus unterschiedlichsten Reifensorten ist, die wiederum aus einer Vielzahl verschiedener Kautschukmischungen zusammengesetzt sind. Die vergleichsweise geringe Materialkostenersparnis rechtfertigt daher keinesfalls die Sicherheits- und Qualitätsrisiken, die ein Reifenhersteller durch einen vermehrten Einsatz von Gummimehl und Regenerat eingehen würde.
Dennoch besteht in einigen Bereichen einiges Wachstumspotential für die stoffliche Verwertung von Altreifen und Gummiabfällen, beispielsweise bei der Wiederaufbereitung von sortenreinen Produktionsabfällen. Bei hochwertigen Elastomeren ist eine Wiederaufbereitung zu Mahlgut oder Regenerat nicht nur technisch machbar, sondern angesichts von Rohmaterialpreisen von bis zu 30 Eur pro kg auch ein Gebot der ökonomischen Vernunft.
Als besonders sinnvoll hat sich die Lohnaufbereitung von sortenrein erfassten Produktionsabfällen herausgestellt. Dies bedeutet, dass ein gummiverarbeitender Betrieb seine Produktionsabfälle sortenrein erfasst und bei einer darauf spezialisierten Firma aufbereiten lässt. Auf diese Weise werden viele der Risiken, die beim Einsatz von Recyclingmaterialien aus unbekannter Quelle bestehen, größtenteils ausgeschlossen. Die Lohnaufbereitung erfolgt in den meisten Fällen rein mechanisch, d.?h. es wird entweder ein Mahlgut oder ein Regenerat hergestellt. Beim letztgenannten Verfahren wird beispielsweise durch intensives Kneten ein fließfähiges Material hergestellt, dessen Eigenschaften sich nur unwesentlich von denen des Ausgangmaterials unterscheiden.
Die Firma Watson Brown HSM ist seit 2008 in Mahlow bei Berlin in Betrieb und setzt einen High Shear Mixer (HSM) ein, um sortenreine Produktionsabfälle in fließfähige Regenerate zu verarbeiten. Die Lohnaufbereitung sortenreiner Produktionsabfälle ist jedoch keineswegs die Lösung für die 650.000 Tonnen Altreifen, die jedes Jahr in Deutschland anfallen. Diese Menge an Recycling-Gummi kann nur in Bereichen sinnvoll eingesetzt werden, in denen erstens die Nachfrage groß genug ist und zweitens die Anforderungen an die Sortenreinheit und Qualität nicht allzu hoch sind, beispielsweise bei der Verwendung als Gummiasphalt im Straßenbau.

Alt-Gummi für den Straßenbau

In den USA wird bereits seit den 1960er Jahren Recycling-Gummi aus Altreifen als Additiv für Bitumen eingesetzt, um die Qualität und die Lebensdauer des Straßenbelags in vielerlei Hinsicht zu verbessern. Während unmodifizierte Bitumen entweder an heißen Sommertagen zu weich oder an kalten Wintertagen sehr spröde werden, ist Gummiasphalt an heißen Sommertagen noch fest und bei strengem Forst noch elastisch. Das Ergebnis sind weniger Spurrillen, weniger Kälterisse, geringere Wartungskosten und insgesamt eine deutlich längere Lebensdauer des Straßenbelags.
Trotz dieser auf der Hand liegenden Vorteile fristet Gummi-Asphalt in Deutschland noch ein Schattendasein. Von den jährlich 2,5 Millionen Tonnen Bitumen, die im Straßenbau verwendet werden, sind derzeit schätzungsweise nur ein bis zwei Prozent mit Recycling-Gummi modifiziert. Eine erfreuliche Ausnahme bildet Bayern, wo seit einiger Zeit die Ausschreibungsmodalitäten im Straßenbau zunehmend dahingehend geändert werden, dass nicht nur die einmalige Ausführung der Baumaßnahme ausgeschrieben wird, sondern der Zustand eines Straßenbelags über einen Zeitraum von vielen Jahren.
Durch eine geringfügige aber entscheidende Änderung der Ausschreibungsmodalitäten (Zustand der Straße über einen längeren Zeitraum statt einmalige Ausführung) gäbe es für Straßenbauunternehmen einen Anreiz, diejenigen Materialien einzusetzen, die eine möglichst langlebige und wartungsarme Asphaltdecke gewährleisten. Nur so erhält Gummi-Asphalt eine faire Chance, sich gegen die derzeit konträren Interessen der Straßenbauunternehmen und Bitumen-Hersteller auf dem Markt zu etablieren.

Ökologische und ökonomische Anreize verbinden

Der vermehrte Einsatz von Gummi-Asphalt würde sich für die Allgemeinheit in Form von geringeren Straßenbaukosten, geringerer Lärmemission, weniger Baustellen, weniger Staus und weniger Unfälle gleich mehrfach auszahlen. Darüber hinaus entstünde quasi ganz nebenbei eine mengenmäßig sehr bedeutende Anwendung für Altreifen. Einige Kritiker meinen, dass in den vergangenen 20 Jahren in der Altreifen-Recycling-Branche durch falsche Investitionsentscheidungen mehr Geld verloren wurde, als die wenigen wirtschaftlich erfolgreichen Betriebe in diesem Zeitraum insgesamt verdient haben. Die aktuellen finanziellen Probleme bei einigen Marktführern der Branche scheinen diese Einschätzung zu bestätigen. Weder die jüngst vom Umweltbundesamt ins Gespräch gebrachte gesetzlich vorgeschriebene Quotenregelung für die stoffliche Wiederverwertung von Altreifen noch eine weitere staatliche Förderung für die Neugründung von Granulierbetrieben wird dazu beitragen, dass Gummi-Recycling mengenmäßig an Bedeutung gewinnt. Hingegen könnte durch den vermehrten Einsatz von Gummi-Asphalt im Straßenbau ein großer Teil aller in Deutschland anfallender Reifen einer ökologisch und ökonomisch sinnvollen stofflichen Verwertung zugeführt werden.

Über den Autor

Kurt Reschner, beratender Ingenieur, Dresden