Die Lösungen diskutierten Experten der Geschäftsbereiche Tire & Specialty Rubbers und High Performance Elastomers sowie Additiv-Spezialisten aus den Business Units Rhein Chemie Additives und Advanced Industrial Intermediates mit den Besuchern. Parallel dazu haben sie auch maßgeblich zum Vortragsprogramm der Tagung mit Beiträgen zu aktuellen Entwicklungen im Kautschuk-Sektor beigetragen. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur Produkt-Neuheiten, sondern auch praxisnahe Empfehlungen, etwa zur Kautschuk-Compoundierung oder zur Verbesserung der Nachhaltigkeit.

Zum derzeitigen Zustand der Kautschuk- und Elastomer-Branche befragt, gibt Jan Paul de Vries, Leiter der Geschäftseinheit High Performance Elastomers, zeigt er wesentliche Branchenentwicklungen auf: „Die europäische Gummibranche macht derzeit einen rasanten Wandel durch: Die Globalisierung, neue Herausforderungen durch das Vordringen in technische Grenzbereiche und die wachsende Bedeutung des Nachhaltigkeitsaspekts für immer breitere Kundenkreise bringen für innovative Anbieter erhebliche Chancen mit sich, verlangen von der Industrie aber auch ein ständiges Anpassen der Angebotsprodukte an die Marktbedürfnisse. Um noch wirtschaftlicher produzieren zu können, braucht man zum Beispiel Spezialkautschuke, die optimal an aktuelle Produktionsprozesse angepasst sind. Wer auch morgen noch als erfolgreicher Zulieferer von Highend-Produkten gelten will, muss sich unter anderem über die Temperaturbeständigkeit der Kautschuke in seinem Portfolio Gedanken machen. Und die zunehmende Bedeutung des Umweltschutzes macht ‚grüne‘ Compounds in den Augen vieler Kunden immer attraktiver. Erfolg haben bedeutet also: Innovationsprozesse zu beschleunigen.“ Dafür habe sein Unternehmen eine Vielzahl von Lösungen anzubieten, schloss de Vries.

Neuentwickelte Kautschuk-Typen stecken Grenzen neu ab
Einige Beispiele für spannende Werkstoff-Entwicklungen aus dem Kautschuk-Technikum, mit denen das Unternehmen auf aktuelle Entwicklungen reagiert, sind Keltan 9565Q, Levapren PXL sowie neue, leistungsfähige Polybutadien- und SSBR- Varianten. Keltan 9565Q ist eine ultrahochmolekulare EPDM-Variante, die in dynamisch hoch beanspruchten Gummiartikeln durch ihr hohes Molekulargewicht Kenndaten erreichen kann, die bisher Naturkautschuk-Compounds vorbehalten waren: Seine tan delta-Werte, Reißfestigkeit und Reißdehnung machen diesen Synthesekautschuk zu einer ausgezeichneten Alternative zu Naturkautschuk. Der neue Keltan-Typ schneidet im Blick auf Sauerstoff-, Ozon-, Witterungs- und Hitzebeständigkeit nach wie vor deutlich besser ab als der ungesättigte Naturkautschuk.

Levapren PXL ist ein vorvernetzter EVM-Kautschuk, dessen Mooney-Viskosität mittels fortschrittlicher Reaktiv-Extrusion auf ein höheres, von Technikern häufig gefordertes Niveau gebracht wird. Die Vernetzungsdichte des Kautschuks in den frei fließenden Kautschuk-Granulen ist deutlich homogener als es mit der bisher eingesetzten Strahlungsvorvernetzung zu erreichen ist. Daher können Mischzeiten in der Verarbeitung selbst dann erheblich reduziert werden, wenn Produkte mit besonders hohen Oberflächenanforderungen gefragt sind, etwa bei Kabelmänteln. „Levapren PXL ist hervorragend geeignet für kontinuierliche Mischverfahren, die in der Gummibranche aus Gründen der Wirtschaftlichkeit immer wichtiger werden“, sagte de Vries.

Für Reifenhersteller interessant ist ein Kautschuk der neuen Buna FX-Produktgruppe, eine funktionalisierte SSBR-Variante, deren verbesserte Wechselwirkung von Polymer und Füllstoffen innerhalb der Laufflächenmischung bei erhöhter Haftung den Rollwiderstand der Reifen verringert. Eine zweite Kautschuksorte aus dem Buna-VSL-Portfolio bietet die Möglichkeit, den Laufflächenverschleiß signifikant zu verringern, ohne Abstriche bei den anderen Leistungsmerkmalen zu machen.

Kautschuk-Additive und Compounding bleibt ein wichtiges Thema
Die Compounding-Experten des Geschäftsbereichs Rhein Chemie Additives stellten ETU (Ethylenthioharnstoff)-freie Vernetzungssysteme für verschiedene Kautschuktypen vor. Dieses aktuelle Thema ist auf Grund der toxischen Eigenschaften von ETU weltweit von hohem Interesse. Als ein Beispiel unter vielen dient ein Vernetzungssystem aus MTT-80 und Rhenogran HPCA-50 für Chloroprenkautschuk, das nicht nur ETU ersetzen, sondern obendrein zu einer gesteigerten Alterungsbeständigkeit verhelfen kann – vor allem in Kombination mit neuen Baypren-Typen.

Eine weitere Entwicklung, auf die das Unternehmen die Aufmerksamkeit der Fachwelt richtete, ist das neue Inline-Qualitätssicherungssystem Rhenowave für die Produktion von Gummimischungen. Wie Philipp Junge, Leiter des Rubber Additives-Geschäfts bei Rhein Chemie Additives erläuterte, lassen sich mit diesem Verfahren lassen mittels Ultraschall-Pulsen zentrale Eigenschaften – insbesondere die Homogenität – der Kautschukmischung schon während der Extrusion überwachen. Dadurch trägt Rhenowave dazu bei, die Ausschussrate und die Produktionskosten zu reduzieren. Die Geschäftseinheit Rhein Chemie Additives selbst setzt Rhenowave derzeit in der eigenen Bladder-Herstellung ein.

Nachhaltigkeit steht immer im Fokus
Die Chancen, die sich dem Anwender mit Keltan eröffnen, standen auch im Mittelpunkt eines Vortrags über „Grüne EPDM Compounds“. Bekanntlich macht der Kautschuk in vielen Gummiartikeln nur einen Bruchteil des Compounds aus. Experten des Unternehmens haben in einer umfangreichen Studie untersucht, mit welchen Additiven und Füllstoffen man Gummiartikel aus Keltan Eco noch nachhaltiger machen kann. Resultat: Mit pflanzlichen Ölen und natürlichen Kohlenwasserstoffen wie Squalen lässt sich in Compounds aus diesem „grünen“ EPDM-Kautschuk, dessen Ethylen-Baustein aus nachwachsendem Zuckerrohr gewonnen wird, einiges erreichen. Wichtig ist, dass die Polarität stimmt und ungesättigte Anteile bei der Vulkanisation berücksichtigt werden. Auch Ruß aus der Verbrennung von Altreifen macht hier eine gute Figur. Dessen Einsatz ist nachhaltig, weil dadurch Müll vermieden wird und Altreifen auch Naturkautschuk enthalten. Die Lanxess-Experten stellen im Weiteren eine Dichtung für den Einsatz in Automobilen aus Keltan Eco vor, die zu 90 % aus nachhaltigen Komponenten besteht und ähnliche Eigenschaften mitbringt wie „klassische“ EPDM-Produkte – inklusive hoher Alterungsbeständigkeit bis 125 °C.

Von einer noch höheren Warte aus mit dem Thema Nachhaltigkeit und Gummi beschäftigte sich ein Referat über „Nachhaltigkeit und Spitzenqualität in der Gummiindustrie – ein globaler Ansatz“, in dem dazu angeregt wird, Nachhaltigkeit nicht nur als Schlüsselwort für die Herstellung umweltfreundlicher Produkte zu sehen, sondern auch den mit ihrem Einsatz verbundenen Nutzen über den gesamten Lebenszyklus zu bewerten und den Energie- und Ressourcenverbrauch bei ihrer Herstellung kritisch zu betrachten. Als positive Beispiele für diesen Ansatz werden etwa der geringere Wasser- und Gas-Verbrauch bei der Herstellung der neuen „Green Finishing“ Baypren-Varianten (Chloropren-Kautschuk) genannt, aber auch die Senkung des Kraftstoffverbrauchs durch Zahnriemen aus Therban (HNBR) im Ventiltrieb von Verbrennungsmotoren. Die Herausforderungen, die sich im Spannungsfeld zwischen Leichtbau und Komfort-Anforderungen für die Materialentwicklung bei Reifen ergeben, werden in einem eigenen Beitrag analysiert.

(dw)