Bild

Weiter heißt es wörtlich: Die Firma Sports Group, zu der die im oberbayrischen Burgheim ansässige Firma Polytan gehört, hat sich auf die Herstellung von Kunstrasenplätze spezialisiert und jenen Untergrund verlegt, auf dem die Neuauflage des WM-Finals 2011 ausgetragen wird. Auf Plastikhalmen, die in vier Meter breiten Bahnen verlegt wurden, darauf eine Trägerschicht Quarzsand und ein so genanntes Performance Infill, ein grünes Granulatgemisch. Von der FIFA zertifiziert mit zwei Sternen.

Es ist kein Zufall, dass in Vancouver weniger Klagen erklangen als in Winnipeg, Edmonton, Moncton oder Ottawa. Am Endspielort wurde speziell auf die Nutzung als Fußball-Belag zugeschnittener synthetischer Kautschuk (EPDM, Ethylen-Propylen-Dien-Kautschuk) eingebracht. In den anderen Stadien kamen jedoch nordamerikanische Mitbewerber zum Zuge, und die haben den Plastikrasen mit Unmengen von Styrol-Butadien-Kautschuk bestreut, was beim Recycling von alten Autoreifen gewonnen wird. Eine Tonne ist um 1000 Euro billiger.

„Wir haben auf Altreifen-Granulat gespielt, das hat auch manchmal so gerochen“, lästerte Deutschlands Torhüterin Nadine Angerer. Weiterer unerfreulicher Nebeneffekt: Wurde davon zu viel eingestreut oder bei der Trägerschicht gespart, dann fühlt sich die Oberfläche schwammig an. In diesem Zustand befanden sich viele der oft erst kurzfristig aus dem Boden gestampften Trainingsfelder. Von gleichen Bedingungen konnte gar nicht die Rede sein.

Den Eindruck bestätigt auch ZDF-Expertin Kim Kulig vor Ort: „Es gibt schon erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Plätzen bei dieser WM. Damit musste man sich jetzt arrangieren, aber so ganz zufrieden mit den Plätzen ist man wirklich nicht.“ Zumal sich der billigere Belag mit dem schwarzen Granulat bei Sonneneinstrahlung auf bis zu 50 Grad aufheizte. Bundestrainerin Silvia Neid blieb deshalb auch während des Turniers stets bei ihrer ablehnenden Haltung: „Diese WM hätte auf Naturrasen gehört.“
Das Image der Kunstrasenplätze, die wegen ihrer Strapazierfähigkeit und Verlässlichkeit im Breitensport längst anerkannt sind, hat durch die vielen Debatten indes gelitten. „Das Thema Kunstrasen ist eben immer emotional belegt“, sagte Frank Dittrich vom Hersteller Polytan dem „Kicker“, es sei schade, „wenn man durch die Polemik in Kanada zurückgeworfen wird.“

Erschwerend kamen die handwerklichen Fehler der Organisatoren hinzu, die den Eindruck erweckten, der Frauenfußball diene als Experimentierfeld: Warum unterschiedliche Hersteller zugelassen wurden, erschließt sich nicht wirklich. Warum wurden nicht geeignete System zur Bewässerung installiert? In der Hauptstadt Ottawa wurden Dutzende von Volunteers dazu verdonnert, einen gewaltigen Feuerwehrschlauch zu halten, der von einem Hydranten hinter dem Tor gespeist wurde.
Ein ulkiges Bild, das Ralf Kellermann, Trainer des VfL Wolfsburg, verärgerte: „Die Bewässerung des Kunstrasens war eine Farce und wie zuhause beim Blumengießen.“ Zumal die provisorische Berieselung (Silvia Neid: „Nach fünf Minuten ist alles wieder trocken: Es ist schade um das Wasser“) wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein wirkte. So war vielleicht auch der Untergrund dafür verantwortlich, dass weitgehend neue spielerische Elemente bei dieser WM fehlten. „Spielerinnen mit Stärken im Tempodribbling waren klar benachteiligt“, erklärte Kellermann, „weil der Rasen stumpf ist und der dadurch im Rollverhalten veränderte Ball schwerer zu kontrollieren ist.“

Auch Kollege Colin Bell vom 1. FFC Frankfurt pflichtete ihm bei: „Die Organisatoren haben sich keinen Gefallen getan, diese WM auf Kunstrasen auszutragen. Wenn die Spielfläche ein limitierender Faktor ist, um sich 90 Minuten durchgehend auf Top-Niveau zu präsentieren, dann ist das einfach ein Handicap! Zumindest hätten alle Stadien das neueste und das gleiche Modell haben müssen.“ Nur gut, dass eines schon feststeht: Sowohl zur EM 2017 in den Niederlanden als auch zur WM 2019 in Frankreich geht es für die Frauen wieder auf echten Rasen.

Weblink zum Thema
Den vollständigen Artikel mit weiteren Information lesen Sie auf der Internetseite des ZDF oder direkt mit einem Klick auf diesen Link.

(dw)