Kein sichtbarer Unterschied, aber dennoch ein Fortschritt: Motorlager aus Kautschuk, der aus Löwenzahn-Wurzeln anstatt aus Gummibäumen gewonnen wurde (Bild: Contitech)

Kein sichtbarer Unterschied, aber dennoch ein Fortschritt: Motorlager aus Kautschuk, der aus Löwenzahn-Wurzeln anstatt aus Gummibäumen gewonnen wurde (Bild: Contitech)

Im Reifenbereich von Continental hat sich Naturkautschuk aus Löwenzahn-Wurzeln bereits bei Prototypen bewährt. Jetzt testen die Entwickler von Contitech Vibration Control, ob sich der Löwenzahn-Kautschuk für Schwingungs- und Lagerungselemente in Fahrzeugen eignet, beispielsweise in Motorlagern. Erste Ergebnisse sind sehr vielversprechend. ContiTech informiert darüber während der IAA.

Gemeinsam mit Continental erforschen Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME und des Instituts für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen der Uni Münster bereits seit 2013, wie sich Löwenzahn nachhaltig als alternative Kautschukquelle für die gummiverarbeitende Industrie nutzen lässt. Im Rahmen dieses Projekts hatte die Continental Reifen bereits erfolgreich entsprechende Autoreifen-Prototypen getestet.

Die Entwickler von Contitech Vibration Control testen derzeit, ob sich der Naturkautschuk aus Löwenzahn auch einsetzen lässt, um Motorschwingungen zu reduzieren. Auf der IAA präsentiert Contitech jetzt erste, viel versprechende Forschungsergebnisse für den Einsatz in Schwingungs- und Lagerungselemente von Fahrzeugen. Hier soll der Naturkautschuk helfen, die Elemente auf die unterschiedlichen Anwendungen in Getriebe- und Motorlagern anzupassen und die Teile gleichzeitig langlebig zu machen.

Mit Hilfe von Motorlagern wird in Autos das Antriebsaggregat mit der Karosserie verbunden. Sie nehmen statische Lasten auf, isolieren den Körperschall, begrenzen die Bewegung des Motors und verhindern, dass er bei einem Unfall abreißt. Zusätzlich dämpfen sie Schwingungen und Stöße, die von der Fahrbahn ausgehen. „Die Anforderungen an Aggregatelager sind ganz andere als an Reifen. Wir müssen beispielsweise mit starken dynamischen Beanspruchungen bei hohen Temperaturen zurechtkommen. Darum haben wir bei unseren Entwicklungen einen anderen Fokus als die Reifenkollegen“, sagt Dr. Anna Misiun, die bei Contitech Vibration Control die Aktivitäten zum Projekt leitet. Unabhängig davon, wofür der Löwenzahn-Kautschuk verwendet wird, bietet seine Nutzung große Vorteile für die Umwelt.

Größere Unabhängigkeit von schwankenden Marktpreisen
Prof. Dirk Prüfer und Dr. Christian Schulze Gronover vom Fraunhofer IME und dem Institut für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen der Uni Münster: „Der anspruchslose Löwenzahn wächst in gemäßigtem Klima und selbst auf Böden, die für die Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln nicht geeignet sind. Transporte aus tropischen Ländern entfallen damit. Das verbessert die CO2-Bilanz des Rohstoffs beträchtlich.“ Auch die größere Unabhängigkeit von traditionellen Rohstoffen mit teilweise stark schwankenden Marktpreisen bietet Vorteile für die Industrie.

Die Entwicklung eines umwelt- und ressourcenschonenden Verfahrens zur Produktion von Naturkautschuk im industriellen Maßstab ist das Ziel der gemeinsamen Arbeit der Wissenschaftler von Continental und Fraunhofer IME. Diesem Ziel ist man bereits ein ganzes Stück näher gekommen mit der Entwicklung einer Pilotanlage zur Extraktion von Naturkautschuk aus den Wurzeln des russischen Löwenzahns – und mit der Herstellung entsprechender Reifen-Prototypen, die im Test genauso gut abschnitten wie Reifen auf Basis des Kautschukbaums. Dafür wurden die beteiligten Wissenschaftler unter anderem mit einem Joseph-von-Fraunhofer-Preis 2015 ausgezeichnet.

Jetzt soll die Produktion so skaliert werden, dass sie schließlich im industriellen Tonnenmaßstab funktioniert. Die „Pusteblume“ entwickelt sich damit in der Gummiproduktion zu einer ökologisch und ökonomisch attraktiven Alternative zum tropischen Kautschukbaum. Bis zu einer industriellen Fertigung von Produkten auf Basis von Löwenzahn-Kautschuk wird es jedoch noch einige Jahre dauern. „Jetzt müssen erst einmal die Hausaufgaben gemacht werden: Die Pflanze muss weiter optimiert werden. Für einen möglichst hohen Kautschukertrag, Aussaat, Anbau und Kautschuk-Extraktion in großem Maßstab“, so die beiden Wissenschaftler.

(dw)