Wir freuen uns, Pyrolyx mit unserer Expertise als Marktführer im Bereich Anlagenbau zur Reifenherstellung zu unterstützen und die gesamte Anlage zu planen sowie als Generalunternehmer auszuführen“, sagt Guido Veit, Business Unit Manager Plastics & Rubber Plants beim Zeppelin Konzern. Die Reifen-Recyclinganlage in Terre Haute soll rCB sowie Pyrolyseöl und Stahl produzieren. Dafür werden etwa vier Millionen Altreifen pro Jahr verwertet, die bisher deponiert oder verbrannt wurden.

Dabei werden gegenüber einer herkömmlichen Carbon-Black-Produktion ca. 2,5 Tonnen CO2 pro Tonne rCB jährlich eingespart. „Unser Ziel ist es, im Geschäftsbereich Anlagenbau nicht nur Anlagen zur Reifenproduktion zu bauen, sondern diese Reifen am Ende ihrer Nutzungszeit auch einer sinnvollen Verwertung zuzuführen“, sagt Axel Kiefer, Leiter der Strategischen Geschäftseinheit Anlagenbau. Peter Gerstmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Zeppelin, unterstreicht: „Nachhaltiges Wirtschaften ist fest in der Strategie des Zeppelin Konzerns verankert. Unsere Lösungen sollen entscheidend dazu beitragen, eins der weltweit größten Umweltprobleme zu beseitigen.“

Die Reifen-Recyclinganlage in Terre Haute soll rCB sowie Pyrolyseöl und Stahl produzieren.
(Bildquelle: Björn Wylezich/fotolia.com)

Die Reifen-Recyclinganlage in Terre Haute soll rCB sowie Pyrolyseöl und Stahl produzieren.
(Bildquelle: Björn Wylezich/fotolia.com)

Innovatives Recyclingverfahren

Allein in Deutschland fallen jährlich rund 650.000 Tonnen Altreifen an. Diese werden auf Deponien abgelagert oder in Brennöfen der Zementindustrie verheizt. Damit werden kostbare Rohstoffe verschwendet. Der Zeppelin Konzern hat gemeinsam mit Pyrolyx ein Verfahren entwickelt, mit dem der Hauptbestandteil von Reifen, Carbon Black, aus Altreifen zurückgewonnen werden kann. Geschredderte Reifen werden dabei mittels Pyrolyse in Rohstoffe zerlegt und ein hochwertiges recovered Carbon Black (rCB) wird hergestellt.

Damit wird der Verwertungskreislauf für Altreifen geschlossen und das zurückgewonnene rCB kann zur Produktion neuer Reifen verwendet werden. Neben dem Industrieruß rCB werden bei der Pyrolyx-Technologie auch Gas und Öl freigesetzt. Das gewonnene Gas kann als Energiequelle bei der Produktion eingesetzt werden und den größten Teil der für den Prozess notwendigen Energie liefern. Das Öl kann gereinigt und auf verschiedene weitere Methoden einer Verwertung zugeführt werden. Außerdem wird wertvoller Stahl aus den Reifen zurückgewonnen.

Tire Technology Expo 2018, Stand 8034

 

Interview mit Guido Veit, Business Unit Leiter Plastics & Rubber Plants Zeppelin Systems, Friedrichshafen

„Mein Traum ist die Reifenfabrik mit Zero Waste“

Guido Veit, Business Unit 
Leiter Plastics & Rubber Plants

Guido Veit, Business Unit
Leiter Plastics & Rubber Plants, Zeppelin Systems

KGK Mit dem Bau der Reifenrecycling-Anlage für Pyrolyx haben Sie ein sehr großes Projekt im Bau. Spatenstich war im September. Wie ist der aktuelle Stand?

Guido Veit Trotz der winterlichen Witterungsverhältnisse in Terre Haute, USA sind wir voll im Zeitplan. Der gesamte Hallenbaukörper steht und „Start of Production“ (SOP) wird, wie geplant im 1. Halbjahr 2019 sein. Die Anlage in den USA, die wir gemeinsam mit unserem Technologie-Partner der Pyrolyx dort bauen, wird nach der Inbetriebnahme ca. 4 Mio. Altreifen pro Jahr verwerten und daraus ca. 13.000 Tonnen recovered Carbon Black“(rCB) produzieren. Dieses Material wird zur Produktion neuer Reifen eingesetzt. Die Reifenrecycling-Anlage wird derzeit die größte dieser Art weltweit sein.

KGK Sie sind als Anlagenbauer in vielen Industrien unterwegs. Welchen Stellenwert hat die Gummi-Industrie bei Zeppelin?

Guido Veit Zeppelin Systems hatte 2017 einen Umsatz von ca. 325 Mio. EUR. Unsere Strategie setzt auf Wachstum, Performance und Stabilität (GPS Strategie). Um uns von den Marktzyklen einzelner Branchen unabhängig zu machen, haben wir uns diversifiziert in Polymerherstellung, Kunststoffverarbeitung, Mischprozesse, Lebensmittelanlagen und eben die Gummi-Industrie. Inklusive des zugehörigen Servicegeschäfts trägt die Gummi-Industrie im Schnitt etwa 20 Prozent des Umsatzes der Zeppelin Systems.

Wir planen hier künftig starkes Wachstum. Neben neuen Produkten, wie beispielsweise unser neues vollautomatisches Dosiersystem für Flüssigkeiten, wachsen wir im Markt auch durch das Erschließen neuer Regionen oder Geschäftsfelder wie Beratungs- und Planungsleistung für die Modernisierung von Braunfields. Unter Braunfields verstehen wir bestehende und teils ältere Anlagen im Gegensatz zu Greenfields – Anlagen, die auf der „grünen Wiese“ komplett neu gebaut werden. Als eine weitere Neuerung, werden wir auf der Tire Technology Expo, Stand 8034, in Hannover unser neues Automatisierungskonzept MIRA vorstellen. Eine sehr bedeutende Zukunftsperspektive sieht Zeppelin im Recycling, insbesondere durch die Partnerschaft mit Pyrolyx zum Recycling von Reifen.

KGK Was unterscheidet das Flüssigkeiten-Dosiersystem von bisher verfügbarer Technik für das Compounding?

Guido Veit Unser neues Konzept wirkt disruptiv auf althergebrachte Methoden, deren Nachteile wie die maximal erzielbare Genauigkeit, Freisetzten von Aerosolen und Kontamination als offene Systeme, geringe Flexibilität bis hin zur Brandgefahr nur unzureichend aufgezählt sind. Das neue System ist geschlossen, beliebig modular erweiterbar und ist in der Lage in bisher ungekannter Geschwindigkeit und Präzision bis zu 36 Flüssigkeiten, genau temperiert, teilweise gleichzeitig oder sequenziell in den Prozess zu bringen. Zum Herantasten an diese neue Technologie bieten wir ein preiswertes Starter-Paket an.

KGK Welchen Trend sehen Sie im Vergleich zwischen Anlagen für neue Reifen und für Rezyklierung von Reifen und die mögliche Erweiterung von Anlagen?

Guido Veit Mein Traum ist die Zero Waste Reifenfabrik. Bereits heute integriert Zeppelin in seinen Anlagen nachhaltige Konzepte, um Abfälle auf dem Produktionsweg zu minimieren oder durch einen sogenannten Rework-Prozess, das unmittelbare Zurückführen der Abfälle in die Produktion. Ich halte es für möglich, eine Reifenfabrik heute nahezu ohne Abfall zu betreiben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass eine Reifenrecyclinganlage künftig zur Standardausstattung einer Reifenproduktion gehört und die Rezyklate ohne Umwege wieder in den Prozess als wertvolle Rohstoffe zurückgegeben werden können. In diesem Zusammenhang könnte ich mir sogar vorstellen, dass künftig ein Reifenhersteller gerne seine ausgedienten Reifen kostenlos zurücknimmt und ganz im Sinne von Corporate Social Responsibility (CSR) diese dem Wertstoffkreislauf zurückführt und damit auch noch Geld verdient.

Darüber hinaus glaube ich, dass auf dem Markt angebotene Rezyklate, vielleicht sogar als Pre-Compound oder Prepack konditioniert, begehrt werden. Es wird noch einige Zeit dauern, bis Rezyklate in guter Qualität in nennenswerten Mengen auf den Markt kommen. Aber die Entwicklung ist für mich klar vorgezeichnet. In Planungsaufträgen bei Zeppelin für Greenfields finden solche Szenarien heute schon Eingang in das Design künftiger Anlagen. Wir stellen jedoch gemeinsam mit unserem Partner, der Pyrolyx AG fest, dass seit einiger Zeit auch immer mehr positiver Druck durch Regierungen in den Ländern ausgeübt wird, Reifen zu recyceln und das gewonnene recovered Carbon Black (rCB) in der Reifenproduktion eizusetzen. Dadurch steigert sich weltweit die Nachfrage nach diesen Anlagen mit diesem Verfahren.

KGK Wo stellen Sie global die größte Nachfrage im Anlagenbau der Gummi-Industrie fest, gibt es Märkte die stark schrumpfen?

Guido Veit Ich habe alle Hände voll zu tun mit den Chancen, die der Markt täglich bietet und beschäftige mich wenig mit Studien und Voraussagen. Aktuell freut mich die unerwartet hohe Nachfrage in Europa und – einst ein bestenfalls stagnierender Markt – heute ein extrem starkes Nord-Amerika Geschäft. Hinter den allgemeinen Erwartungen sind die ehemals hochgelobten BRIC-Staaten. Wobei ich glaube dass Brasilien und Russland sich von den politisch motivierten Krisen wieder erholen werden und die Erwartungen an China und Indien unrealistisch hoch waren. Die Entwicklung im Iran bleibt abzuwarten und der afrikanische Kontinent könnte bald erwachen. Eine Steigerung der Nachfrage verzeichnen wir auch durch die nordischen Länder, die in der Vergangenheit schon oft Vorreiter in Sachen Umweltschutz waren. Ich bin froh, dass wir durch unsere globale Präsenz den Märkten und unseren Kunden folgen können und es für uns daher nicht so bedeutend ist, wo das Geschäft stattfindet. Dabei finde ich es bemerkenswert, das unsere Kunden heute häufig erst entscheiden, dass sie ein Greenfield bauen werden und danach erst in welchem Land. Früher dachte ich, umgekehrt sei logisch.

KGK Welche Key-Faktoren bietet Zeppelin im Wettbewerb?

Guido Veit Das ist jede Menge. Die Reifenbranche ist ein globaler Markt und unsere Kunden verbreitern ihre globale Präsenz. Auch wir sind global aufgestellt und stehen in allen Hauptwirtschaftszonen mit lokalen Niederlassungen und Service unseren Kunden zu Seite. Wir treiben Innovationen voran und setzten Standards, wie z.B. durch das gerade neu überarbeitete Konzept zur pneumatischen Förderung von Ruß und Silika, Recycling, das Automatisierungskonzept MIRA oder das neue Liquid Dosing System (LDS). Wir bauen auf Basis jahrzehnte langer Erfahrung und hunderter gebauter Anlagen nachhaltige und wirtschaftliche Anlagenkonzepte und holen unsere Kunden in der Beratung sehr früh bei Ihren Vorhaben ab. Bei der Umsetzung professioneller Komplettlösungen für den Mischsaal setzten wir auf modernste Werkzeuge und erfahrene Projektleiter und Ingenieure. Unsere Planungskompetenz im 3D Anlagenbau versetzt uns auch in die Lage, komplexe Umbauten an bestehenden Anlagen – auch wenn keine technischen Unterlagen mehr existieren – sicher und termingerecht durchzuführen.

KGK Welche Werkzeuge nutzen Sie in der Anlagenplanung?

Guido Veit Für die Anlagenplanung im Engineering wird das Datenbank basierte integrierte Engineering Tool Comos von Siemens eingesetzt. Mit diesem Tool werden sowohl alle Process Flow Diagrams (PFD), alle Process & Instrumentation Diagrams (PID) sowie alle technischen Datenblätter und Listen erzeugt, gepflegt und verwaltet. Darüber hinaus setzten wir das datenbankgestützte 3D-Planungssystem PDMS/E3D von Aveva in der Planung ein. Der Vorteil eines datenbankbasierten Systems liegt darin, dass die komplexen Informationen zu technischen Eigenschaften und Funktionen, Verbrauchsdaten, geometrische Informationen und viele weitere Details zur technischen Spezifikation an einem Ort zusammengeführt werden und daher widerspruchsfrei sind.

KGK Welches sind die Stolpersteine bei der Planung?

Guido Veit Stolpersteine bei der Planung sind zum Beispiel die Koordination der verschiedenen Gewerke einer Anlage, wie Gebäude, Stahlbau und Ausrüstungen von unterschiedlichen Lieferanten. Große Sorgfalt benötigt das Abstimmen von Schnittstellen und die Sicherstellung der Qualität der zur Verfügung gestellten Dokumente, beispielweise Gebäudezeichnungen oder 3D Daten des Anlagenbestandes. Insbesondere bei Ertüchtigung von Braunfields ist das ohne moderne Werkzeuge in einem vertretbaren Kosten und Zeitrahmen gar nicht anders zu machen. Kunden übergeben uns deshalb häufig im Rahmen eines Planungsauftrages (Project Management Consulting – PMC) erweiterte Koordinationsaufgaben auch für Gewerke, die wir nicht direkt unter Vertrag haben.

KGK Welche Rolle spielt Energie- und Materialeffizienz im Anlagenbau und welche regionalen Unterschiede stellen Sie fest?

Guido Veit Wir Zeppeliner begreifen soziales und ökologisches Engagement als Grundlage und Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit, Attraktivität als Arbeitgeber und nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg. Dies bedeutet nicht nur einen schonenden Umgang mit Ressourcen zum Schutz der Umwelt. Energie- und Materialeffizienz in der Anlagenplanung spielen in diesem Zusammenhang eine sehr wichtige Rolle. Global gesehen haben verschiedene Länder teils ein unterschiedliches Verständnis. Beispielsweise sind Länder wie Saudi-Arabien mit genügend Energie ausgestattet und gehen bislang sorgloser mit dieser Ressource um. Es sind letztlich unsere Kunden, die hohe Standards in die Welt tragen und damit nachhaltig erfolgreich sind.