Martin Schürmann, 
Managing Director Klöckner Desma Elastomertechnik, Fridingen
Bildquelle: alle Desm

Martin Schürmann,
Managing Director Klöckner Desma Elastomertechnik, Fridingen
Bildquelle: alle Desma

KGK Was war die Motivation und welches sind die wesentlichen Ergebnisse des Desma Strategiemeetings vor einigen Wochen?
Martin Schürmann Der Zusammenhalt und die gute Abstimmung untereinander ist gerade den augenblicklichen Herausforderungen geschuldet enorm wichtig, um das Unternehmen selbstbestimmt auf gutem Kurs mit einer vielversprechenden Zukunftsperspektive halten zu können. Die 31 Teilnehmer der fünf Standorte sind mit der festen Überzeugung aus der über vier Tage verteilten 20-stündigen Webkonferenz gegangen, dass wir den Herausforderungen der Zeit mit den weitergehend erörterten und vereinbarten Projekten Resilience, Digital Core und Tomorrow in Sachen Organisation, Digitalisierung und Produkt- sowie Prozessneuentwicklung auf einem guten Weg sind. Das einstimmige Fazit: Wir werden stärker aus dem derzeitigen Zeitenwandel hervorgehen als wir in ihn reingegangen sind.

KGK Wie sieht die Neuorganisation Resilience in der Praxis aus und was bedeutet das für Ihre Kunden?
Schürmann Das für die Jahre 2020/2021 mit den notwendigen Ressourcen unterfütterte Projekt Resilience dient ausschließlich der Erhöhung der Kundenorientierung und Wettbewerbsfähigkeit. Wir versprechen uns durch Resilience eine Verkürzung unserer Liefer- und Produktentwicklungszeiten einhergehend mit der Reduzierung von nicht der Wertschöpfung dienender Arbeiten. Sichergestellt wird das unter anderem dadurch, dass wir über ‚Business Process Owner‘ verfügen, die analog zu den von ihnen im Digital Core Projekt definierten ERP-Prozesse die Neuorganisation mit den Kolleginnen und Kollegen aller Standorte global umsetzen. – Hierzu nehmen wir in einem Zeitraum von 3 Jahren einen Investitionsbetrag i.H.v. € 4 Mio. in die Hand.

Mit der Horizontalmaschine D969.600 lässt sich die optimale Basis für Großserien legen.

Mit der Horizontalmaschine D969.600 lässt sich die optimale Basis für Großserien legen.

KGK Welche Vorteile versprechen Sie sich von dem Digital Core Projekt?
Schürmann Wie bereits anlässlich der K 2019 unserem Besucherkreis vorgestellt, haben wir uns auf den Weg gemacht, uns in einen sich in die Prozesse unserer Geschäftspartner integrierenden maschinenbauenden Dienstleister zu wandeln. Das ist ein mit Perspektive 2025 angelegtes Projekt, welches auch die weitere Erhöhung unserer Dienstleistungsfähigkeit und digitalen Kompetenz beinhaltet. Dabei spielt das Digital Core Projekt für die Schaffung von Prozess- und Kommunikationsschnittstellen eine enorme Rolle.
Im Kern umfasst der von unseren Märkten, den 5 Produktionsstandorten und 32 Satellitenbüros umgebene Digital Core das neue ERP- und Engineeringssystem gepaart mit dem SmartConnect4u-Ecosystem.

Die Vertikalmaschine D968.560 lässt sich mit umfangreicher 
Automatisierungstechnik ausstatten und bietet eine profitable
Gummi- und Silikonverarbeitung.

Die Vertikalmaschine D968.560 lässt sich mit umfangreicher
Automatisierungstechnik ausstatten und bietet eine profitable
Gummi- und Silikonverarbeitung.

KGK Welches sind die wesentlichen neuen Produktentwicklungen und worauf zielen diese bei den Anwendern?
Schürmann Bei allen Anstrengungen um die Neuorganisation in Verbindung mit der Digitalisierung des Unternehmens haben wir natürlich auch unsere Maschinen-Neuentwicklungen forciert. Hier sind wir in mehrere Richtungen unterwegs:
Ein Schwerpunkt stellt der Ausbau der Sondermaschinen für Großdichtungen dar. Nachdem wir dieses Marktsegment bereits mit unterschiedlichen horizontalen und vertikalen Spritzgießmaschinen mit mehreren Druckzylindern und auch mit mehreren, verschiebbar angeordneten Spritzeinheiten seit sehr vielen Jahren mit einem breiten Maschinenprogramm bedienen, werden jetzt gerade aktuell Großanlagen mit Heizplattengrößen von 2500 x 1500 mm realisiert und noch in diesem Jahr an Kunden ausgeliefert. Um eine maximale Flexibilität zu bieten, werden die Spritzeinheiten verschiebbar angeordnet. Bis zu vier Spritzeinheiten sind möglich. Durch die verschiebbare Anordnung kann flexibel auf unterschiedliche Artikelgrößen eingegangen werden. Auch bei diesen Maschinengrößen achten wir auf möglichst ergonomische Maschinengestaltung um Leitern zur Materialzuführung zu vermeiden.
Ein weiterer Entwicklungsschwerpunkt liegt in der Verfahrensentwicklung für den Bereich Brennstoffzellen. Hier arbeiten wir eng mit namhaften Herstellern zusammen, um diese anspruchsvollen Artikel möglichst rationell herstellen zu können. In diesem Zusammenhang kam auch unsere SmartFlow Fließsimulation häufig zum Einsatz, um Entwicklungszeiten abzukürzen.
Im Bereich Hochspannungstechnik arbeiten wir an der Verfahrensentwicklung für sehr große Kabelmuffen, die im Hochdruck-Spritzgießverfahren hergestellt werden sollen, um das bisher eingesetzte Niederdruckverfahren teilweise abzulösen. Im Hochdruckverfahren können diese Artikel wesentlich rationeller und in besserer Qualität produziert werden.
Alle drei vorstehend genannten Entwicklungsschwerpunkte gehen mehr oder weniger in dieselbe Richtung. Der Mobilitätswandel und damit verbundene Technologiewandel erfordert neue Produkte und eine neue oder modernisierte Infrastruktur.
Und natürlich haben wir für die hoffentlich im nächsten Jahr stattfindende DKT weitere spannende Entwicklungen in der ‚Pipeline‘, die dann einen guten Anlass für eine weiteres Interview geben werden.

„Wir werden stärker aus dem derzeitigen Zeitenwandel hervorgehen als wir in ihn
reingegangen sind.“

Die neue Vertikalmaschine der Benchmark-Serie mit vollhydraulischem Schließsystem und automatisierter Formhöheneinstellung.

Die neue Vertikalmaschine der Benchmark-Serie mit vollhydraulischem Schließsystem und automatisierter Formhöheneinstellung.

KGK Wo stehen Sie in der Automatisierung der Anlagen und wie weit kann diese Entwicklung noch optimiert werden?
Schürmann In der jüngsten Vergangenheit haben wir unsere Maschinen in 14 Automatisierungsanlagen mit 6-Achs-Robotern, einer umfangreichen, der Artikelvorbereitung und -Nacharbeit dienenden Peripherie und den Spezialitäten aus unserem Kaltkanal- und Formenbauprogramm vornehmlich für Kunden aus den westlichen Märkten erfolgreich auf Turnkey-Basis umgesetzt. Hierdurch ist es unseren Kunden gelungen, Produkte, die in sogenannten ‚Billiglohnländern‘ hergestellt worden sind, wieder nach Westeuropa oder in die USA zurückholen bzw. die Produktion dort halten zu können.
Mit unserem internationalen Projekt-Engineering und Automationsteam, welches bereits in der Vorprojektphase die Automation und den Spritzprozess simulieren und animieren kann, stehen wir für Anfragen bereit. Wir erhoffen uns hier aufgrund des bei unseren Kunden permanent und gerade augenblicklich enorm weiter steigenden Drucks, die Lieferketten durch die Regionalisierung zu entflechten, weitere spannende Projekte.

KGK Wie schätzen Sie die Perspektiven für Ihre Märkte ein, mittelfristig und langfristig? Und welche Vor- und Nachteile sehen Sie in einer global aufgestellten Produktion?
Schürmann Hierzu knüpfe ich doch sehr gerne an das zuvor im Zusammenhang mit der Regionalisierung und der Entkoppelung Gesagte an: Wir verfügen bereits über eine weitgehend entkoppelte und zunehmend durch unsere strategischen Leuchtturmprojekte integrierte Standorttätigkeit in allen wichtigen Wirtschafts- und Wachstumsregionen. Es wird hierbei im Verlauf der nächsten Jahre bedingt durch die Nachfrage zwar Volumenverschiebungen geben, aber wir sind ähnlich der Hand mit ihren fünf Fingern nur gleichermaßen funktions- und leistungsfähig. Und es ist nichts Neues: Die asiatischen Märkte werden in unserer Industrie in Volumen und Qualitätsanforderung schneller wachsen als die westlichen Märkte. Auch wird es eine Produktverschiebung im Zuge des Mobilitätswandels geben, die aber unseres Erachtens nach mit vielen spannenden Herausforderungen, die ich zuvor in Verbindung mit unseren Neuentwicklungen ja schon teilweise anklingen lassen habe, einhergehen wird.

KGK Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt immer mehr an Bedeutung und Kautschuk zählt nicht gerade zu den am leichtesten recycelbaren Werkstoffen. Welchen Beitrag leisten Sie als Desma für eine nachhaltige Wirtschaft und wird es gelingen auch den Rohstoff stärker im Kreislauf zu führen?
Schürmann Leider haben auch wir das Chemie- und Physikbuch noch nicht umschreiben können: Es wird eben aufgrund der hohen Artikelanforderungen und den bisher eingesetzten und zumindest absehbar nicht ersetzbaren Basismaterialien nach wie vor ausschließlich ein Downcycling geben können. Deswegen liegt unser Fokus zunächst auf der Material- und Energieeffizienz in der Produktion und neben der Primärenergieeinsparung an der Maschine auf dem der Kaltkanäle: Global betrachtet sind wir bereits der größte Hersteller von Kaltkanälen und geregelten ITM-Lösungen. Unser Produktportfolio zeichnet sich hier durch die folgenden Entwicklungen besonders aus:

  • die geschlossenen Efficient Runner Kaltkanalsysteme in ein- oder zweietagiger Bauweise
  • das Vario Kaltkanalsystem mit verstellbaren Düsenpositionen
  • das Flow Control Kaltkanalsystem mit hydraulischer Düseneinzelansteuerung zur Artikeldirektanspritzung
  • der E-Drive Kaltkanal mit Servoantrieben zur Einzeldüsenansteuerung zur Artikeldirektanspritzung
  • das Zero Waste ITM System zur angusslosen Artikeldirekt-anspritzung

Zwischenzeitlich wird ein Großteil der von uns produzierten Formen mit unserer Pressure Sense Technologie ausgestattet, um neben der angussfreien Direktanspritzung auch Materialaustriebe zu vermeiden. Abfall der nicht entsteht, braucht nicht recycelt zu werden.

Das Interview führte Dr. Etwina Gandert, Redaktion KGK.