Stephan Rau, Technischer 
Geschäftsführer, Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.V., Frankfurt

Stephan Rau, Technischer
Geschäftsführer, Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.V., Frankfurt

Interview mit Stephan Rau, wdk, zur Initiative New Life –
Neue Produkte aus Alt-Gummi

Warum setzen Sie sich für die Kreislaufwirtschaft ein?
Stephan Rau: Die Wirtschaft hat – zusammen mit anderen Akteuren wie Politik und Gesellschaft – eine wichtige Aufgabe: Wir müssen Wege erarbeiten, mit begrenzten Ressourcen verantwortungsvoll umzugehen. Das Recyceln von Altreifen ist nahezu alternativ­los. Recycling ist grundsätzlich eine wichtige Existenzgrundlage für zukünftige Generationen und schafft viele Arbeitsplätze. Langfristig werden Kreislaufwirtschaftsprodukte nicht mehr die Ausnahme darstellen, sondern die Regel sein müssen. Jeder gewonnene oder importierte Rohstoff muss so lange wie möglich eingesetzt werden, denn Deutschland ist rohstoffarm, aber sekundärrohstoffreich. Mit den Produkten der New Life Partner ist das möglich: Ob als Sportbelag, für Akustik-Lösungen, als Designobjekte, bei der Ladungssicherung oder im Bautenschutz. Produkte aus ELT (End-of-Life-Reifen) haben verschiedene Gesichter.

Auf einer Skala von 1 bis 100 – Wie weit sind wir mit den Bemühungen?
Rau: Das ist abhängig von dem jeweiligen Markt, den man betrachtet. Für den ELT-Markt sind wir unseres Erachtens auf dem richtigen Weg. Ich denke, wir haben den halben Weg hinter uns und liegen bei circa 50, denn es gibt gerade auf politischer Seite noch viel zu tun. Dazu gehört, dass Rezyklate den Neuprodukten der baurechtlichen Zulassung gleichgestellt werden sollten – oder im Idealfall sogar bevorzugt! Was wir brauchen, ist ein klar definiertes Abfall-Ende-Szenario, am besten europaweit. Da sind uns übrigens andere Länder wie Italien und Portugal voraus.

Welche Anstrengungen unternimmt die Politik aktuell, um das Thema weiter auszubauen?
Rau: Die aktuelle Novellierung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes ist genau die richtige Vorgehensweise. Für eine stärkere Verbreitung von Recycling-Produkten ist aber auch wichtig, dass nicht nur bei öffentlichen Ausschreibungen auf Nachhaltigkeit geachtet werden muss. Auch für private Bauprojekte sollte es Vorgaben geben, die den Einsatz nachhaltiger Materialien verlangen.

„Langfristig werden Kreislaufwirtschaftsprodukte nicht mehr die Ausnahme darstellen, sondern die Regel sein müssen.“

Sind die Anstrengungen ausreichend?
Rau: Nein, es liegt noch ein langer Weg vor uns. Das betrifft nicht nur die Politik, sondern auch die Gesellschaft. Grundsätzlich müssen wir ein Bewusstsein für echte Nachhaltigkeit schaffen und am Ende dieses Prozesses schließlich auch eine Handlungsveränderung herbeiführen. Jede und jeder Einzelne muss sich angesprochen fühlen und sich für die Sache einsetzen: Im privaten Bereich, aber auch bei der Beschaffung am Arbeitsplatz und einem Engagement wie beispielsweise im Rahmen der Initiative New Life.

 

Neue Produkte aus ausgedienten Reifen (ELT) und Alt-Gummi

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Was fehlt aus Ihrer Sicht noch, damit das Thema schneller vorankommt?
Rau: Meiner Meinung nach ist es unbedingt erforderlich, dass alle staatlichen Stellen ihre Verantwortung für eine Kreislaufwirtschaft ernst nehmen. Das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessen der Industrie und dem Verbraucherschutz wird von der gesamten Branche sehr ernst genommen. Es darf jedoch nicht passieren, dass Regularien aufgestellt werden, die die Fortentwicklung der Kreislaufwirtschaft behindern.

Wo sind die Hürden, um in Deutschland zu einer perfekten Kreislaufwirtschaft zu kommen?
Rau: Ich denke, dass Politik und Wirtschaft noch stärker an einem Strang ziehen müssen. Es dürfen keine unbegründeten Hindernisse durch Zulassungsbehörden aufgestellt werden. Stattdessen ist es mein Wunsch, gemeinsam den aktuellen Forschungsstand zu betrachten und Lösungen zu erarbeiten, die Nachhaltigkeit ermöglichen. Aktuell steht der Verbraucherschutz weit oben auf der Agenda der Politik, scheinbar aus dem Bauch heraus gibt es immer wieder neue Restriktionen. Das geht zu Lasten der Industrie, gefährdet Arbeitsplätze und untergräbt letztlich eine fortschrittliche Kreislaufwirtschaft. Dazu kommt, dass die Medien wenig Interesse an einer Richtigstellung haben und falsche Informationspolitik nahezu befeuern.

Was sind die Schwierigkeiten im Hinblick auf Kreislaufwirtschaft bei End-of-Life-Tyres (ELT)?
Rau: Tendenziell wird die Menge an Altreifen in Zukunft steigen, trotzdem müssen ELT-Produkte extrem lange Zulassungsverfahren durchlaufen. Ziel sollte es sein, diese Verfahren so kurz und pragmatisch wie möglich zu gestalten. Unternehmen, die innovative Lösungen zur Nutzung von ELT gefunden haben, sollten hierbei unterstützt werden. Darüber hinaus sollten Forschung und Entwicklung an Hochschulen, aber auch in Unternehmen gefördert werden. Schon jetzt sind die Investitionen in Forschung und Entwicklung zum Zweck des Gesundheitsschutzes im Vergleich zur Größe der Branche überdurchschnittlich hoch. Das sollte von der Politik gewürdigt und unterstützt werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Rau: Gesamtgesellschaftlich wünsche ich mir ein Bekenntnis dazu, dass Recycling und Recyclingprodukte unverzichtbar sind. Für meine Arbeit wünsche ich mir, dass wir es schaffen, die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Verbänden noch stärker auszubauen. Nur, wenn alle Interessensvertreter konstruktiv im ständigen Austausch stehen, kann ein praxisorientiertes Ergebnis erzielt werden.