34. Tagung der DKG Regionalgruppe Nord Brückenschlag zwischen Praxis und Forschung

Von Matthias Gutbrod 6 min Lesedauer

Mitte April 2026 versammelte die Regionalgruppe Nord der Deutschen Kautschuk-Gesellschaft (DKG) Fachleute aus Industrie und Forschung in Braunschweig und Hannover. Das Programm reichte von einer exklusiven Werksführung bei Volkswagen bis hin zu neuesten Erkenntnissen über Silica-Komposite und Hochleistungselastomere, was den hohen Stellenwert des regionalen Austauschs unterstrich.

Die Organisatoren der Tagung: Josef Ludwig, Ulrike Weber und Dr. Jens Meier (v.l.). Dr. Meier führte als Gastgeber vom DIK und Leiter der DKG-Regionalgruppe Nord durch das Programm. Er wurde dabei von Ludwig (Firma LNP) unterstützt. Weber von der Frankfurter DKG-Geschäftsstelle informierte über aktuelle bundesweite Projekte und Aktivitäten der DKG.(Bild:  KGK/Gutbrod)
Die Organisatoren der Tagung: Josef Ludwig, Ulrike Weber und Dr. Jens Meier (v.l.). Dr. Meier führte als Gastgeber vom DIK und Leiter der DKG-Regionalgruppe Nord durch das Programm. Er wurde dabei von Ludwig (Firma LNP) unterstützt. Weber von der Frankfurter DKG-Geschäftsstelle informierte über aktuelle bundesweite Projekte und Aktivitäten der DKG.
(Bild: KGK/Gutbrod)

Die 34. Tagung der Regionalgruppe Nord fand am 16. und 17. April 2026 statt und führte die Teilnehmer an zwei bedeutende Standorte der norddeutschen Industrielandschaft: Braunschweig und Hannover. Gastgeber waren am ersten Tag die Volkswagen AG in ihrem Werk Braunschweig und am zweiten Tag das Deutsche Institut für Kautschuktechnologie (DIK) in Hannover.

Die Veranstaltung war als kostenloses Angebot für DKG-Mitglieder und Interessierte konzipiert, wobei die Teilnehmerzahl aufgrund der Kapazitäten begrenzt war, was zu einer exklusiven und fokussierten Arbeitsatmosphäre führte. 57 Fachbesucher aus verschiedenen Bereichen der Kautschukbranche nutzten die Gelegenheit, um sich über aktuelle Fragen und Ansätze in der Werkstoff-, Methoden- und Bauteilentwicklung zu informieren.

E-Mobilität zum Anfassen: Einblicke in Achsmontage und Batteriefertigung

Ein fester Bestandteil und klassisches Highlight der Regionaltagung war auch in diesem Jahr eine Werksbesichtigung, die 33 der 57 Teilnehmer am ersten Veranstaltungstag zur Volkswagen AG nach Braunschweig führte. Jens Kühn (Volkswagen) hieß die Experten willkommen und gab einen detaillierten Überblick über die aktuellen Fortschritte der E-Mobilität, speziell im Bereich der Antriebstechnik.

Der anschließende Rundgang durch die Produktionshallen bot den Fachbesuchern exklusive Einblicke in die Achsmontage und die hochkomplexe Batteriefertigung. Die Teilnehmer konnten hier die Transformationsprozesse in der Automobilindustrie unmittelbar nachvollziehen und die daraus resultierenden neuen Anforderungen direkt vor Ort diskutieren.

Tradition trifft auf Wissenschaft und Industrie

Mitte April trafen sich 57 Fachbesucher der DKG-Regionalgruppe Nord beim Deutschen Institut für Kautschuktechnologie (DIK) in Hannover.
(Bild: KGK/Gutbrod)

Den Auftakt am zweiten Veranstaltungstag gestalteten Dr. Jens Meier vom gastgebenden DIK und Ulrike Weber von der Frankfurter DKG-Geschäftsstelle. Weber informierte das Auditorium über aktuelle bundesweite Projekte und Aktivitäten des Verbandes. Dr. Meier und Weber betonten in diesem Rahmen die strategische Ausrichtung der DKG-Nord auf Nachhaltigkeit, Innovation und starke Partnerschaften innerhalb der Branche. Damit führt die Regionalgruppe den Kernauftrag der Deutschen Kautschuk Gesellschaft fort, die seit ihrer Gründung im Jahr 1926 als Netzwerkplattform für den direkten Austausch zwischen Industrie und Forschung dient.

Im Anschluss führte Dr. Meier als Leiter der DKG-Nord durch das fachliche Programm. Er wurde dabei von Josef Ludwig (Firma Ludwig Nano Präzision, LNP) als Mit-Organisator der Tagung unterstützt. 

Von Hochleistungs-Silica bis zum Material-Tuning 

Das Vortragsprogramm am DIK deckte ein breites Spektrum ab, das von der Grundlagenforschung bis zur industriellen Anwendung reichte.

Dr.  Winton Kuprewitz vom DIK eröffnete die fachliche Reihe mit seinen Ausführungen zu in-situ Silica-Polymerkompositen. Sein Vortrag adressiert die prozesstechnischen Herausforderungen klassischer Silica-Silan-Systeme. Dr. Kuprewitz stellte eine neuartige polymerbasierte Oberflächenmodifizierung des Silicas vor, die das herkömmliche Silanisierung-Verfahren ersetzt. Die Füllstoffpartikel werden direkt während des Prozesses mit einem niedermolekularen Pendant der umgebenden Polymermatrix beschichtet. Die Modifizierung kann exakt auf die spezifische Polymermatrix abgestimmt werden, wodurch die Bindung zwischen Füllstoff und Polymer optimiert wird. 

Technologisch ermöglichen diese Füllstoffe die verstärkte Nutzung von Naturkautschuk in Laufflächen, was bisher aufgrund der schwierigen Interaktion zwischen Silica und der Naturkautschuk-Matrix limitiert war.

Dr. Kurt Marchetti von Freudenberg Technology Innovations stellte ein strukturiertes Schadensanalyse-Management-System vor, das sich eng an der Richtlinie VDI 3822 orientiert. Die methodische Untersuchung umfasst mehr als 200 physikalische, optische und chemisch-analytische Prüfverfahren, um Schadensmechanismen an Elastomerbauteilen, Bindungen und Klebungen exakt zu identifizieren. Ziel ist es, dieses gewonnene Verständnis direkt in die präventive Werkstoffentwicklung einfließen zu lassen, um Bauteilausfälle bereits in der Designphase zu minimieren „Eine systematische Schadensanalyse ist das Fundament für die Prozessverbesserung“, ließe sich die Relevanz für die Qualitätssicherung zusammenfassen.

Clément Affholder von Adidas gab Einblicke in die Entwicklung von Elastomeren für Hochleistungssohlen bei Laufschuhen. Unter dem Titel „Grip und Abrieb für Performance“ wurde deutlich, wie komplex das Anforderungsprofil an Sportschuhe ist.

Affholder demonstrierte am Beispiel des „Adizero Adios Pro 4“ den Einsatz des neuen Materials Lighttraxion. Im Gegensatz zu klassischen Gummimischungen basiert diese Innovation auf einer spezialisierten Polyurethan-Verbindung, die eine sehr dünne und leichte Sohlenkonstruktion ermöglicht. Durch die Kombination mit mikro-strukturierten Traktionsmustern, die auf 3D-Druck-Mappings von Athleten-Auftrittsmustern basieren, konnte das Gesamtgewicht des Schuhs um ca. 30 Gramm gesenkt und gleichzeitig die Energierückgabe sowie die Nasshaftung (durch integriertes „Micro Cutting“ zur Wasserverdrängung) verbessert werden.

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Dieses Beispiel verdeutlichte das Zusammenspiel von Rohstoffen und Verarbeitungsverfahren, um den gegensätzlichen Anforderungen von maximalem Grip und minimalem Abrieb gerecht zu werden.

Neue Dimensionen der rheologischen Charakterisierung

Oliver Wirth von der Bareiss Prüfgerätebau GmbH thematisierte die Relevanz von Laborwerten für die Materialcharakterisierung. Er legte dar, dass exakte physikalische und rheologische Messdaten die unverzichtbare Basis für zuverlässige Prozesssimulationen und moderne Qualitätssicherungsstandards bilden.

Wirth präsentierte mit dem RPA ultra zudem ein Rheometer, dessen technologisches Alleinstellungsmerkmal eine vollständig rotierende untere Messkammer ist. Diese Innovation erlaubt im Gegensatz zu herkömmlichen, rein oszillierenden Systemen die Messung der transienten Viskosität und das Erreichen sehr hoher Scherraten, wie sie für industrielle Prozesse wie die Extrusion oder den Spritzguss typisch sind. Dies liefert präzisere Daten für Strömungssimulationen in der Extrusion und im Spritzguss, da sie reale Verarbeitungsbedingungen exakter abbilden.

Elisabeth Schultze von der Volkswagen AG stellte Untersuchungen zu Materialänderungen an Elastomeren mithilfe der OIT (Oxidation Induction Time) vor. Dieses Verfahren erlaubt es, das Alterungsverhalten und die thermische Stabilität von Werkstoffen zu bewerten, was besonders für langlebige Automobilkomponenten von entscheidender Bedeutung ist.

Schultze erläuterte die Anwendung der Oxidations-Induktionszeit für das Stabilisator-Monitoring und verglich das OIT-Verfahren mit dem OOT-Verfahren (Oxidation Onset Temperature). Obwohl beide Varianten als thermoanalytische Verfahren eng verwandt sind, unterscheiden sie sich in ihrer Temperaturführung während der Messung:

Beim OOT wird die Probe mit einer kontinuierlich steigenden Temperatur aufgeheizt. Dieses Verfahren eignet sich ideal für ein schnelles Screening verschiedener Materialien, um eine erste grobe Einschätzung der Oxidationsstabilität zu erhalten.

Das OIT-Verfahren arbeitet isotherm, also bei einer fest definierten, konstanten Temperatur. Die Probe wird zunächst in einer inerten Stickstoffatmosphäre aufgeheizt; nach Erreichen der Prüftemperatur wird auf Sauerstoff oder Luft umgeschaltet und die Zeit gemessen, bis der oxidative Abbau einsetzt.

Networking in der Kaffeepause: Besucher nutzten die Tagung auch als Netzwerkplattform für den direkten Austausch zwischen Industrie und Forschung.
(Bild: KGK/Gutbrod)

Für die spezifischen Anforderungen bei Volkswagen bietet das OIT-Verfahren laut Schultze Vorteile gegenüber der OOT-Messung: Das Verfahren liefert bei fest definierten Einsatztemperaturen präzisere und besser vergleichbare Daten. Auch bei Materialien mit nur geringfügigen Unterschieden in der chemischen Zusammensetzung oder Stabilisierung arbeitet die OIT diese Differenzen deutlicher heraus. Da Automobilkomponenten, etwa im Motorraum, oft über lange Zeiträume einer konstanten thermischen Last ausgesetzt sind, bildet die isotherme Messung diesen Realzustand besser ab als eine stetige Temperatursteigerung. Die OIT reagiert zudem empfindlich auf den Verbrauch von Antioxidantien. Sie fungiert somit als Indikator für den Alterungsschutz.

Optimierung der Netzwerkstruktur durch Coagenzien

Den Abschluss der Fachveranstaltung bildete Dr. Kevin Krause (DIK), der über die Optimierung physikalischer Eigenschaften durch gezielte Vernetzung sprach. Er verglich die Schwefelvernetzung, die flexible Brücken für hohe Reißfestigkeit erzeugt, mit der peroxidischen Vernetzung, die stabile Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungen für exzellente thermische Stabilität liefert. „Schwefel- und peroxidische Vernetzung bieten unterschiedliche Vorteile, von der Reißfestigkeit bis zur thermischen Stabilität“, erklärte Dr. Krause.

Dr. Krause vertiefte das Thema der peroxidischen Vernetzung und die entscheidende Rolle von Coagenzien (multifunktionale Acrylate oder Allylverbindungen). Seine Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Coaktivatoren Nebenreaktionen abfangen und die Vernetzungsdichte signifikant steigern können. Die Innovation besteht in der Möglichkeit zum „Eigenschafts-Tuning“: Physikalische Parameter wie Modul und Härte lassen sich präzise einstellen, ohne die thermische Beständigkeit des peroxidischen Systems zu gefährden. Diese Erkenntnisse finden direkte Anwendung bei der Entwicklung hochoptimierter Hybrid-Systeme für die Dichtungstechnik und automobile Anwendungen.

Im Brauhaus: Wo das Netzwerk lebendig wird

Nach der Werksbesichtigung bei Volkswagen stand der informelle Austausch im Vordergrund. Das traditionelle Get-together fand im Brauhaus Ernst August in der Hannoveraner Altstadt statt. In entspannter Atmosphäre wurden die Themen des Tages vertieft und neue Kontakte geknüpft.

„Unsere Arbeitskreise und Netzwerke bieten unseren Mitgliedern einen echten Mehrwert, da sie sich hier intensiv mit Gleichgesinnten austauschen können“, unterstrich Dr. Meier die Bedeutung dieser Gemeinschaft: „Der Verband lebt aus der Vielfalt aller Bereiche der Kautschukbranche, die wir mit unserem einzigartigen Netzwerk abdecken.“

Die positive Stimmung beim Abendessen in Hannover bestätigte einmal mehr, dass die persönliche Vernetzung neben der fachlichen Tiefe die wichtigste Säule der DKG-Regionaltagungen bleibt.