WDK: Deutsche Kautschukindustrie existenziell gefährdet  Kautschukindustrie im Würgegriff

Verantwortliche:r Redakteur:in: Matthias Gutbrod 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Nach dem verlustreichen Jahr 2025 steht die Kautschukindustrie im März 2026 vor existenziellen Hürden. Energiekostenschocks durch den Iran-Konflikt und Standortnachteile erzwingen Investitionsverlagerungen ins Ausland. Der WDK fordert von der Bundesregierung nun ein entschlossenes Umschalten in den Krisenmodus.

WDK-Präsident Michael Klein: Die neue geopolitische Krise hat das Potenzial, in Deutschland die Gummiwertschöpfungskette vor existenzielle Herausforderungen zu stellen.(Bild:  WDK)
WDK-Präsident Michael Klein: Die neue geopolitische Krise hat das Potenzial, in Deutschland die Gummiwertschöpfungskette vor existenzielle Herausforderungen zu stellen.
(Bild: WDK)

Die wirtschaftliche Lage der deutschen Kautschukindustrie bleibt im Frühjahr 2026 hochgradig angespannt. Der Blick zurück auf das Jahr 2025 zeichnet ein düsteres Bild: Die Branche verzeichnete das fünfte Jahr in Folge sinkende Beschäftigungszahlen. Parallel dazu ging die Produktion im vierten aufeinanderfolgenden Jahr zurück. Dieser anhaltende Abwärtstrend signalisiert eine strukturelle Krise, die weit über konjunkturelle Schwankungen hinausgeht.

Bilanz des Schreckens: Das Jahr 2025 in Zahlen

Das Jahr 2025 verdeutlicht die Tiefe der strukturellen Krise: Die Branche verzeichnete das fünfte Jahr in Folge sinkende Beschäftigungszahlen, während die Produktion im vierten aufeinanderfolgenden Jahr zurückging. Nach einem Einbruch der Inlandsfertigung von über 4 % im Jahr 2024 setzte sich der Negativtrend 2025 ungebremst fort. Das Produktionsniveau liegt damit inzwischen rund ein Viertel unter dem Wert von vor zehn Jahren.

Besonders alarmierend stellt sich die Kapazitätsauslastung in den Werken dar. Während Reifenhersteller zuletzt nur noch zu knapp 80 % ausgelastet waren, sank die Quote für technische Elastomer-Erzeugnisse (TEE) auf unter 74 %. Dies liegt weit unter der wirtschaftlich notwendigen Marke von etwa 90 %, die für eine rentable Fortführung der hochautomatisierten Fertigung in Deutschland erforderlich wäre. Der Branchenumsatz, der zuletzt bei rund 11,35 Mrd. € stagnierte, geriet durch die schwache Inlandsnachfrage zusätzlich unter Druck. Ein Paradigmenwechsel bei der Beschaffung verschärft die Lage: Industrielle Auftragsvergaben orientieren sich fast ausschließlich an kurzfristigen Kostenfaktoren, während qualitätsbasierte Kriterien in den Hintergrund rücken.

WDK-Chefvolkswirt Michael Berthel: Die Auftragsvergaben orientieren sich nahezu ausschließlich an Kostenfaktoren.(Bild:  WDK)
WDK-Chefvolkswirt Michael Berthel: Die Auftragsvergaben orientieren sich nahezu ausschließlich an Kostenfaktoren.
(Bild: WDK)

„Selbst auf dem von heimischen Anbietern dominierten Binnenmarkt finden nie gesehene Marktanteilsverschiebungen statt. Die Auftragsvergaben für industrielle Gummiprodukte orientieren sich derzeit nahezu ausschließlich an Kostenfaktoren“, so Michael Berthel, Chef-Volkswirt beim Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (WDK).

Geopolitischer Schock: Der Iran-Konflikt und die Energiepreise

Zu den bestehenden strukturellen Problemen gesellt sich im März 2026 ein massiver externer Schock. Der am Wochenende des 1. März begonnene militärische Konflikt im und rund um den Iran hat die globale Gasversorgung schwer gestört. Obwohl Deutschland nicht direkt von iranischen Lieferausfällen betroffen ist, führen die weltweite Nachfrageverschiebung und Verknappung zu drastischen Preiseffekten an den Energiebörsen. Besonders hart trifft dies die Chemiehersteller in Europa, die als zentrale Zulieferer für synthetischen Kautschuk und Füllstoffe fungieren.

Der Kostendruck hat bereits sichtbare Narben in der industriellen Basis hinterlassen. Im Jahr 2025 mussten wichtige Standorte der Petrochemie in Deutschland schließen, was die Versorgungssicherheit der nachgelagerten Verarbeiter gefährdet. Aktuell liegen die Energiekosten für die deutsche Wirtschaft etwa dreimal so hoch wie in den USA. Diese Diskrepanz entzieht den mittelständischen Qualitätsanbietern die Wettbewerbsfähigkeit. Die hohen standortbezogenen Kosten für Energie, Bürokratie und Steuern lassen den Unternehmen kaum Spielraum für notwendige Zukunftsinvestitionen am Standort Deutschland.

„Die neue geopolitische Krise hat das Potenzial, in Deutschland die Gummiwertschöpfungskette vor existenzielle Herausforderungen zu stellen. Mit diesen Energiepreisen sind die Tage der Chemiebranche in Deutschland gezählt“, mahnt Michael Klein, Präsident des WDK.

Investitionsstopp und Abwanderung: Standorttreue unter Druck

Die Kostensituation spiegelt sich unmittelbar in den strategischen Planungen der Unternehmen wider. Laut aktuellen Mitgliederbefragungen des WDK ist die Standorttreue massiv unter Druck geraten: Während rund 8 % der Betriebe bereits konkrete Verlagerungen von Teilbereichen ins Ausland vorbereiten, erwägen 11 % die komplette Schließung ihrer deutschen Standorte. Insgesamt spielt damit mehr als jedes fünfte Unternehmen der Branche mit dem Gedanken, die hiesige Produktion aufzugeben.

Diese Entwicklung unterstreicht das Phänomen der „Grätsche“: Die mittelständischen Betriebe haben ihre Hausaufgaben bei der Transformation zur Nachhaltigkeit und Digitalisierung gemacht, werden aber durch die Rahmenbedingungen am Standort Deutschland förmlich aus dem Markt gedrängt. Neben den Energiepreisen belasten auch die logistischen Folgen des Iran-Krieges. Steigende Spritpreise treiben die Transportkosten in die Höhe, während blockierte globale Transportwege in der Containerschifffahrt die Lieferketten unter Druck setzen. Dies gefährdet die Lieferfähigkeit gegenüber Schlüsselindustrien wie dem Fahrzeugbau, der Medizintechnik und dem Maschinenbau.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Appell an die Politik: Mehr Tempo bei Reformen

Angesichts dieser prekären Lage fordert der WDK ein sofortiges Umdenken der Bundesregierung. WDK-Präsident Michael Klein stellt sich dabei ausdrücklich hinter die „Schluss mit Schneckentempo!“-Kampagne des Chemieverbandes VCI. Die Branche benötige eine sofortige Entlastung von „Wettbewerbsbremsen“, die national beeinflusst werden können.

Konkret fordert der Verband die Aussetzung des Brennstoffemissionshandelsgesetzes (BEHG) oder zumindest eine temporäre Aussetzung für den Einsatz von Brennstoffen zur industriellen Prozesswärme. Zudem werden eine Senkung des nationalen CO2-Preises sowie ein spürbarer Bürokratieabbau angemahnt. Nur durch schnelle Reformen lasse sich verhindern, dass der Produktionsstandort Deutschland weiteren dauerhaften Schaden nimmt und die industrielle Substanz unwiederbringlich verloren geht.

„Bei den produzierenden Mittelständlern herrscht längst Alarmstufe Rot. Während viele Unternehmen um ihre Zukunft kämpfen, kommt die Politik nicht in die Gänge – weder in Deutschland noch in Europa“, so WDK-Präsident Michael Klein mit Blick auf politische Entscheidungsträger.