AZuR-Netzwerk berät Stadt Kopenhagen   Recyclinggummi für den urbanen Raum

Von AZuR Netzwerk, Willich 5 min Lesedauer

Die dänische Hauptstadt Kopenhagen möchte bei ihrer Beschaffungsstrategie künftig auf Sekundärrohstoffe aus recyceltem Gummi setzen. Ein gemeinsamer Workshop mit der Allianz Zukunft Reifen (AZuR) lieferte konkrete Ansätze, wie sich eine geschlossene Kreislaufwirtschaft für elastomere Werkstoffe im öffentlichen Sektor realisieren lässt.

Aus abgefahrenen Reifen entstehen Sekundärrohstoffe, die direkt in kommunaler Infrastruktur Verwendung finden könnten: von gummimodifiziertem Asphalt über Schallschutzlösungen bis zu Bauelementen.(Bild:  Genan)
Aus abgefahrenen Reifen entstehen Sekundärrohstoffe, die direkt in kommunaler Infrastruktur Verwendung finden könnten: von gummimodifiziertem Asphalt über Schallschutzlösungen bis zu Bauelementen.
(Bild: Genan)

Ende März veranstaltete die Stadtverwaltung Kopenhagen gemeinsam mit dem europäischen Netzwerk AZuR einen eintägigen „Tire Procurement Workshop“. Ziel der Kooperation ist es, die Reifenbeschaffung der Kommune zirkulär zu gestalten und aus Altreifen gewonnene Sekundärrohstoffe gezielt in städtischen Anwendungen wiederzuverwenden. Die Veranstaltung diente als Brücke, um industrielle Kompetenzen direkt in kommunale Ausschreibungs- und Mobilitätsstrategien zu übersetzen. 

„Kopenhagen zeigt, wie es gehen kann: Eine Stadt, die nicht wartet, bis die Industrie klopft, sondern selbst die Initiative ergreift und das Wissen der Branche aktiv einbindet“, betont Anna-Maria Guth, Netzwerk-Koordinatorin bei AZuR. Der direkte Dialog auf dem „Tire Procurement Workshop“ sollte in Kopenhagen die Lücke schließen zwischen der Kautschukrecyclern und dem kommunalen Einkauf.

Eine Stadt stellt die richtigen Fragen

Die Stadtverwaltung Kopenhagen stand vor einer ebenso einfachen wie herausfordernden Frage: Wie kann eine Kommune ihre Reifenbeschaffung zirkulärer gestalten? Altreifenrecycling ist zwar etabliert – aber eine geschlossene Kreislaufwirtschaft, bei der die aus Altreifen gewonnenen Sekundärrohstoffe direkt wieder in kommunale Lösungen fließen, ist noch längst kein Standard.

Diyar Kashlook, Entwicklungsberater in der Abteilung Fahrzeuge & Materialien der Stadt Kopenhagen, formulierte die Ambition klar: Das Ziel sei eine Kreislaufwirtschaft, in der Reifenmaterialien in städtische Lösungen zurückfließen – mit dokumentierter Klimawirkung, vollständiger Rückverfolgbarkeit und einem soliden Business Case. Die Leitfrage des Workshops lautete entsprechend: „Was können wir als Kommune tun, um die Reifenkreislaufwirtschaft aktiv zu fördern?“ Eine Frage, für die das AZuR Netzwerk mit seinen Partnern genau die richtigen Antworten mitbrachte.

Anna-Maria Guth, Netzwerk-Koordinatorin AZuR: "Wir hoffen, dass Kopenhagen Schule macht. Zirkuläre Beschaffung in der öffentlichen Hand ist einer der stärksten Hebel, den wir haben."(Bild:  AZuR)
Anna-Maria Guth, Netzwerk-Koordinatorin AZuR: "Wir hoffen, dass Kopenhagen Schule macht. Zirkuläre Beschaffung in der öffentlichen Hand ist einer der stärksten Hebel, den wir haben."
(Bild: AZuR)

Anna-Maria Guth gab in ihrem Vortrag „Closing the Loop on End-of-Life Tires: Challenges, Circular Applications, and the AZuR Model“ einen umfassenden Überblick über die zirkuläre Verwendung von Altreifen (ELT – End-of-Life Tires). Sie präsentierte die AZuR-Philosophie: Altreifen nicht als Abfallproblem, sondern als Ressourcenpotenzial zu verstehen – vom Gummigranulat im Straßenbau bis hin zur chemischen Verwertung per Pyrolyse.

Neben ihrem Vortrag beriet sie die Stadtverwaltung, moderierte Diskussionen und half dabei, aus den Workshop-Ergebnissen konkrete Pilotprojekte zu entwickeln.

Drei AZuR-Netzwerkpartner in Kopenhagen

Der Workshop lebte auch von der Präsenz dreier AZuR-Netzwerkpartner, die nicht nur Wissen, sondern auch Material zum Anfassen mitbrachten – ein entscheidender Faktor, um aus abstrakten Recyclinglösungen greifbare Innovationen zu machen.

Genan, ein dänisches Unternehmen und weltweit größter Recyclinger für Altreifen, brachte die lokale Perspektive ein. Mit fünf großen Recyclingwerken in Europa – davon drei in Deutschland – und dem weltweit größten Einzelwerk in Houston, Texas, stellt Genan Gummigranulate, Gummimehle sowie Textilfasern für vielfältige Anwendungen her: von Asphalt über Akustiklösungen bis zu Industrieprodukten.

Als aktiver Diskussionsteilnehmer verdeutlichte Genan, was zirkuläre Wirtschaft in der Praxis bedeutet: Aus abgefahrenen Reifen entstehen Sekundärrohstoffe, die direkt in kommunaler Infrastruktur Verwendung finden könnten. „Die Verbindung zwischen unserer Produktion und dem kommunalen Einkauf ist der fehlende Link, den Workshops wie dieser schließen können“, so ein Vertreter von Genan auf dem Workshop.

Recyclinggummi verlässt die Nische

Hermann Schnaitter von Kraiburg Relastec stellte in seinem Fachvortrag die Bandbreite an Recyclingprodukten aus Reifengranulat und technischen Gummireststoffen vor – von Fallschutzböden über Anti-Rutschmatten bis hin zu Lösungen für den Straßenbau. Die Botschaft: Recycelter Gummi ist längst kein Nischenmaterial mehr, sondern ein vielseitiger Werkstoff für den urbanen Raum. Greifbar wurden diese Möglichkeiten für die Teilnehmer in Kopenhagen durch Muster und Materialproben – ein Erlebnis, das PowerPoint-Folien selten ersetzen können.

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Clemens Zimmermann, Division Director bei Marangoni: "Runderneuerung ist nicht die zweitbeste Lösung – sie ist die klügste.“(Bild:  Marangoni)
Clemens Zimmermann, Division Director bei Marangoni: "Runderneuerung ist nicht die zweitbeste Lösung – sie ist die klügste.“
(Bild: Marangoni)

Clemens Zimmermann von Marangoni ergänzte das Thema mit dem Blick auf die Zukunft des Reifens selbst. Unter dem Titel „Designing the Future of Tires“ zeigte er, wie zirkuläres Denken bereits in der Produktgestaltung beginnt – und wie Runderneuerung als hochwertiger Weg zur Lebensverlängerung von Reifen eine zentrale Rolle in einer kreislauforientierten Flottenwirtschaft spielen kann. „Runderneuerung ist nicht die zweitbeste Lösung – sie ist die klügste“, betonte Zimmermann.

Konkrete Ergebnisse: Vom Workshop in die Ausschreibung

Was den Kopenhagener Workshop besonders bemerkenswert macht, ist die Unmittelbarkeit der Ergebnisse. Drei Bereiche stehen im Fokus der weiteren Arbeit:

  • Gummimodifizierter Asphalt kristallisierte sich als vielversprechendes Startprojekt: verbesserte Straßendauerhaftigkeit, CO₂-Einsparungen, Lärmreduktion und mehr Sicherheit auf Straßen und Radwegen – Argumente, die Kopenhagens Mobilitäts- und Klimaabteilung (MKB) überzeugten. Ein Pilotprojekt wird derzeit vorbereitet. 
  • Lärmminderung ist ein weiteres städtisches Handlungsfeld: Ideen rund um Textilfasern aus Altreifen für urbane Schallschutzwände sowie schallabsorbierende Betonstrukturen sollen weiter ausgelotet werden.
  • Der Einsatz von recyceltem Gummi im Bauwesen – von Beschichtungen bis zu Bauelementen – wird intern mit den Bau- und Liegenschaftsabteilungen der Stadt weiterentwickelt.

Unmittelbar nach dem Workshop hat die Stadt Kopenhagen bereits gehandelt: Seal- und Silent-Reifen wurden aus aktuellen Ausschreibungen ausgeschlossen, da diese Reifentypen nicht recyclebar sind. Diese Entscheidung wurde mit Volvo und mehreren Partnerkommunen geteilt – ein Signal mit potenzieller Strahlkraft für den gesamten dänischen Markt.

Parallel treibt Kopenhagen die Einführung von TCO-Kriterien (Total Cost of Ownership) in Ausschreibungen voran, um weg vom billigsten Preis hin zur Lebenszyklusbetrachtung und CO2-Performance zu kommen.

AZuR-Netzwerk als europäische Plattform

Dass der Workshop in Kopenhagen stattfand und nicht in einer deutschen Großstadt verdeutlicht: Das AZuR Netzwerk versteht sich als europäische Plattform für die Reifen-Kreislaufwirtschaft: Mitglieder und Partner aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Italien, der Ukraine und Finnland zeigen, wie breit das Netzwerk bereits aufgestellt ist.

Kommunale Auftraggeber in ganz Europa stehen vor denselben Fragen: Wie beschaffe ich nachhaltiger? Wie verankere ich Kreislaufmöglichkeiten in Ausschreibungskriterien? Das AZuR Netzwerk ist bereit, diese Antworten direkt in die Rathäuser Europas zu tragen.

„Wir hoffen, dass Kopenhagen Schule macht. Zirkuläre Beschaffung in der öffentlichen Hand ist einer der stärksten Hebel, den wir haben. Wenn Kommunen in ihren Ausschreibungen die Kreislaufwirtschaft, die Runderneuerung und zirkuläre Produkte als Kriterien verankern, verändert das die Märkte", erklärt AZuR-Netzwerk-Koordinatorin Anna-Maria Guth.

Für Unternehmen der Kautschuk- und Gummiwirtschaft liegt die Botschaft auf der Hand: Der öffentliche Sektor ist ein Abnehmer, der bislang zu selten systematisch mit der Recyclingbranche in Dialog tritt. Das AZuR-Netzwerk schafft genau diese Brücke und lädt Unternehmen ein, Teil davon zu sein.

Wer zirkuläre Lösungen entwickelt, produziert oder vertreibt – von Gummiasphalt über Runderneuerung bis hin zu Recyclingprodukten für Spielplätze, Böden oder Bauwesen – findet im AZuR Netzwerk eine Plattform für Sichtbarkeit, Wissenstransfer und konkreten Zugang zu öffentlichen Entscheidungsträgern. Das Kopenhagener Beispiel zeigt: Die Türen stehen offen. Es braucht die richtigen Netzwerkpartner, um sie zu durchschreiten.