Die Kautschukindustrie steht vor historischen Umbrüchen zwischen Künstlicher Intelligenz und Kreislaufwirtschaft. Zum 100-jährigen Jubiläum der DKG sprach die KGK mit DKG-Geschäftsführer Prof. Herbert Baaser über Traditionen und aktuelle Transformationen in der Kautschukbranche.
Prof. Dr.-Ing. Herbert Baaser, Geschäftsführer der Deutschen Kautschukgesellschaft (DKG).
(Bild: DKG)
Herr Prof. Baaser, das Motto der Jahrestagung lautet „Zukunft braucht Historie“. Inwiefern hilft der Rückblick auf die Gründungsphase von 1926 in Düsseldorf dabei, die aktuellen Herausforderungen der Branche zu bewältigen?
Prof. Herbert Baaser: Dazu zunächst meine spontane Antwort: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ Nun der Versuch einer ausführlicheren Antwort auf Ihre Frage: Was muss das vor 100 Jahren für ein Jahrzehnt des Aufbruchs gewesen sein! Wenn man allein feststellt, welche berühmten und traditionsreichen deutschen Firmen gerade ihr hundertjähriges Jubiläum feiern – allerdings hat es danach weniger als zwei Jahrzehnte gedauert, bis Europa in Schutt und Asche versunken ist. Gerade dieser letzte Aspekt macht mich mehr als nachdenklich und traurig.
Der erste Aspekt ist zweifellos Teil unseres heutigen Selbstverständnisses und letztlich auch der Tradition sowie des Selbstverständnisses der deutschen Wissenschaft, des deutschen Ingenieurwesens und wohl auch der Marke „Made in Germany“. Darauf können wir gewiss stolz sein, doch sollten wir uns keineswegs auf diesen Lorbeeren ausruhen – und können es auch gar nicht. Worauf berufen wir uns also? Wofür stehen wir? Momentan erleben wir Umbrüche in sehr vielen Bereichen unseres Lebens: Die Auswirkungen des Klimawandels gehen mit großen Transformationen in der Industrie einher, ganz zu schweigen von den weltweiten kriegerischen Auseinandersetzungen.
Ich persönlich bin immer dafür, die Zukunft aktiv mitzugestalten – jeder für sich in seinem Bereich –, anstatt sich von ihr überraschen zu lassen und wie ein manövrierunfähiger Kahn in einem reißenden Fluss von einer Gefahrensituation in die nächste getrieben zu werden.
In der Chronik wird die DKG in ihren Anfängen als „Club der Chemiker“ beschrieben. Wie hat sich die Gesellschaft zu dem aktuellen interdisziplinären Netzwerk aus über 100 Mitgliedsunternehmen und Instituten entwickelt?
Baaser: Vermutlich ist vielen von uns seit den 80er- und 90er-Jahren, spätestens aber mit dem Beginn des neuen Jahrtausends klar geworden, dass wir nur durch die Zusammenarbeit im Dreieck von Chemikern, Physikern und Ingenieuren weiterhin erfolgreich sein können, um hochwertige, langlebige und wettbewerbsfähige Produkte zu entwickeln. Die gemeinsame Weiterbildung, das gegenseitige Coaching sowie das Netzwerken und Miteinander spielen eine entscheidende Rolle. Das zeigt sich beispielsweise an unserem erfolgreichen Mentoring-Programm sowie dem großen Interesse an unseren Regionalgruppen-Tagungen.
Ein Kernblock der Tagung befasst sich mit der Frage, was der Branche im Hinblick auf KI „wirklich nützt“. Wo sehen Sie aktuell den größten Hebel für Künstliche Intelligenz in der Kautschukverarbeitung – eher in der Rezepturentwicklung oder in der Prozessoptimierung?
Baaser: Die KI hat längst Einzug in alle Bereiche unseres täglichen Lebens und in die technische Entwicklung gehalten, ohne dass wir das im Einzelnen immer wahrnehmen. Populär geworden – auch im gesellschaftlichen Kontext – ist sie erst mit dem Aufkommen von Large Language Models wie ChatGPT oder Google Gemini in den letzten zwei bis drei Jahren.
Witzigerweise kann man „KI“ auch als „Kautschuk-Industrie“ hören und denken – vielleicht liegt in diesem Wortspiel gleichzeitig ein Erfolgsfaktor: Die Zukunft wird es zeigen. Wir werden vorab nicht genau festlegen können, in welchem Bereich unserer Produktionsprozesse die KI den größten Einfluss haben wird. Wir werden vielmehr sehen, dass die Künstliche Intelligenz in allen Aspekten der technischen Entwicklung und über sämtliche Prozessketten hinweg eine entscheidende Rolle spielen wird. Das hat vor allem auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die dafür notwendigen Qualifikationen: Dies ist Teil der heute so fundamentalen Umbrüche in unserer Gesellschaft. Gleichzeitig stellt es mich als Hochschullehrer mehr denn je vor die Herausforderung, welche Inhalte wir den jungen Leuten heute vermitteln müssen – wohl wissend, dass manche dieser Themen in fünf Jahren vielleicht gar nicht mehr relevant sind.
In dem Tagungsprogramm heißt es plakativ: „Die nächsten 100 Jahre sind kreisförmig“. Welche Rolle spielt die DKG als Moderator zwischen Rohstofflieferanten, Verarbeitern und Recyclern, um die Kreislaufwirtschaft in der Elastomerindustrie voranzutreiben?
Baaser: Ich sehe die DKG weiterhin als Austauschplattform, Dreh- und Angelpunkt oder „Hub“, wie man neudeutsch sagt: Wir schaffen ein gemeinsames Bewusstsein für die Vernetzung und die gemeinsame Ausbildung des Nachwuchses. Damit entsteht allein durch das gegenseitige Kennenlernen ein Mehrwert, und der Austausch innerhalb der Community wird dadurch erleichtert. Auch hier spiegelt sich sozusagen der Kreislauf der Elastomerindustrie wider.
Die Sicherung von Talenten wird als „Challenge“ tituliert. Mit welchen konkreten Strategien will die DKG die Attraktivität der Branche für die „Generation Z“ steigern und den MINT-Nachwuchs langfristig binden?
Baaser: Wir stehen in enger Verbindung mit vielen technischen Verbänden, die in der Kunststoff- und Kautschukindustrie engagiert sind. Uns ist allen bewusst, dass wir hier in Deutschland insgesamt ein Defizit haben, das wir alleine nicht beheben können. Auch an den Hochschulen und Instituten führen wir diese Diskussion seit Längerem. Ein Ergebnis dieser Gespräche ist immer wieder, dass wir junge Menschen und Kinder schon sehr früh in der Schule – sprich: bestenfalls im Grundschulalter – oder noch besser direkt zu Hause in den Familien für die Faszination der Technik begeistern müssen.
Wenn Sie konkret die Generation Z ansprechen, so liegt es wohl vor allem an uns, diesen jungen Menschen, die voller Tatendrang, Energie und mit neuen Ideen ins Berufsleben einsteigen wollen, eine echte Perspektive zu bieten. Ich sehe das bei meinen eigenen erwachsenen Kindern, aber auch bei meinen Studierenden an der Hochschule, wie schwer es in diesen Tagen oft ist, selbst nur einen Praktikumsplatz für den Start ins Berufsleben zu bekommen. Wir dürfen nicht riskieren, diese gesamte Generation zu verlieren.
Die Verleihung renommierter Preise ist ein Highlight der Feierlichkeiten. Wie wichtig ist dieser Fokus auf wissenschaftliche Spitzenleistungen für den Erhalt der Innovationsführerschaft Deutschlands?
Baaser: In Ihrer Frage steckt womöglich schon die Antwort selbst. Die DKG engagiert sich seit vielen Jahren dafür, insbesondere den wissenschaftlichen Nachwuchs auf verschiedenen Ebenen und durch vielfältige Aktivitäten zu fördern.
Die DKG gilt als Förderer von Forschung und Innovation. Wie bewerten Sie die Synergien zwischen der DKG und Einrichtungen wie dem Deutschen Institut für Kautschuktechnologie (DIK) im Hinblick auf praxisnahe Grundlagenforschung?
Baaser: Auch hier wissen wir, dass das DIK in Hannover, aber auch andere Institute wie das IKV in Aachen oder die wenigen weiteren Hochschulstandorte in Deutschland, die sich mit der Elastomerforschung und -weiterentwicklung beschäftigen, die tragenden Säulen unseres Nachwuchses sind. Sie sorgen dafür, dass die jungen Menschen erste Kontakte zu uns in der Industrie knüpfen. Dazu zählt auch das Weiterbildungsstudium in Hannover, das seit den 1980er-Jahren ohne Unterbrechung regelmäßig junge Fachkräfte für unsere Branche aus- und weiterbildet. Dies sind die Aushängeschilder der deutschen und europäischen Forschung, die wir keinesfalls vernachlässigen dürfen.
Bereits in der 75-jährigen Bilanz wurde die hohe Quote ausländischer Teilnehmer auf DKG-Tagungen betont. Wie positioniert sich die DKG heute im Vergleich zu anderen internationalen Kautschukverbänden, um den globalen Wissensaustausch zu fördern?
Baaser: Wir stehen selbstverständlich im Austausch mit anderen regionalen Verbänden und Forschungsvereinigungen. Die DKG in Deutschland genießt zumindest im europäischen Vergleich – vielleicht aufgrund ihrer langen Tradition, ihrer Struktur und der hervorragenden Netzwerkarbeit – weiterhin einen Status, auf den andere blicken. Dieses Pfund sollten wir nicht verspielen. Hier spielt vermutlich auch der Dreiklang im Zusammenspiel mit dem WDK in Frankfurt und dem ADK in Hannover eine entscheidende Rolle, für den ich persönlich sehr dankbar bin.
Weltweiter Wissensaustausch findet natürlich in den global agierenden Firmen und Konzernen statt; forschungsseitig läuft er mehr denn je über die Hochschulen und wissenschaftlichen Tagungen. Auch hier ist unsere alle drei Jahre stattfindende Kautschuk-Tagung in Nürnberg ein starkes Zeichen: In der Planung und Vorbereitung für die kommende Tagung 2027 spüren wir jetzt schon großen Zuspruch und sehen, dass sowohl die Tagung als auch die Fachmesse wieder ein voller Erfolg werden. Die Welt kommt zu uns zu Besuch!
Im Programm wird der „Blick in die Glaskugel“ gewagt, unter anderem mit Fokus auf neue biobasierte Rohstoffe abseits des Naturkautschuks. Sind diese neuen Kautschuktypen bereits reif für den Massenmarkt oder stehen wir hier noch am Anfang einer langjährigen Entwicklung?
Baaser: Auch hier gilt es, Vorreiter zu sein und Trends zu setzen. Schon vorhin haben wir über die Recycling-Problematik und die Kreislaufwirtschaft gesprochen. Das alles geht Hand in Hand, das eine funktioniert nicht ohne das andere. Wir stehen hier vor großen Herausforderungen. Entwicklungszyklen muss man insbesondere in der Kautschukbranche immer in Zeiträumen von mehreren Jahren denken – das wird zukünftig gewiss nicht anders sein.
Wenn Sie auf die kommenden Jahrzehnte blicken: Was ist Ihre persönliche Vision für die DKG im Jahr 2050? Welche Rolle wird Kautschuk in einer zunehmend digitalisierten und dekarbonisierten Welt spielen?
Baaser: Schon alleine, wenn wir die Prognosen der weltweiten Mobilitätsentwicklung sehen, können wir über die Menge des Reifenabriebs diskutieren und diesen gerne auch als Indikator dafür nehmen, wie gut wir uns den Herausforderungen stellen und neue Ideen entwickeln. Ich selbst sehe die Kautschukbranche als kleine und sehr besondere, wissenschaftlich starke Gruppe, die sich den Herausforderungen der Zukunft stellt und diese meistern wird. Dabei müssen wir die oben erwähnte Kreislaufwirtschaft ebenso im Blick haben wie den Energieverbrauch und die Energiebilanzen über die gesamte Entwicklungs- und Wertschöpfungskette hinweg – und nicht zuletzt das Bewusstsein jedes Einzelnen von uns, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. Die Kautschukbranche wird dabei mit ihrem Innovationspotenzial auch weiterhin eine große Rolle spielen.
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