Rund 240 Fachbesucher feierten in Fulda das 100-jährige Bestehen der Deutschen Kautschuk-Gesellschaft. Unter dem Motto „Zukunft braucht Historie!“ diskutierte die Elastomerbranche über KI-Integration, Kreislaufwirtschaft und die Sicherung des Nachwuchses. Feierliche Ehrungen rundeten den Jubiläumskongress ab.
DKG-Geschäftsführer Prof. Herbert Baaser bei seiner Eröffnungsrede auf der diesjährigen Jahrestagung der DKG zum 100jährigen Jubiläum.
(Bild: DKG / Stefan Wüsten)
Am 24. und 25. September 2026 wurde das Esperanto im hessischen Fulda zum Zentrum der deutschen Kautschuk- und Elastomerbranche. Punktgenau ein Jahrhundert nach der Gründungsveranstaltung am 25. September 1926 in Düsseldorf versammelte sich die Fachwelt, um das 100-jährige Bestehen der Deutschen Kautschuk-Gesellschaft (DKG) zu begehen.
Mit rund 240 Fachteilnehmern aus Industrie, akademischer Forschung, Materialentwicklung und Maschinenbau unterstrich die Jahrestagung einmal mehr die Rolle der DKG als wichtige Plattform der gesamten Kautschuk- und Elastomerbranche.
„Gummi klebt“ – die DKG als verbindende Kautschukfamilie
Die Eröffnung gestalteten DKG-Geschäftsführer Prof. Dr.-Ing. Herbert Baaser und der DKG-Vorsitzende Dr. Thomas Hanel. Sie skizzierten die Evolution der DKG, die heute als gemeinnütziges Wissensnetzwerk von rund 800 bis 900 persönlichen Mitgliedern sowie mehr als 100 Mitgliedsunternehmen und Forschungsinstituten getragen wird.
Dr. Hanel definierte die Architektur der DKG über vier Kernwerte: Forschung, Lehre, Netzwerken und Wissenstransfer. Er betonte den interdisziplinären Schulterschluss der Mitglieder entlang der gesamten Wertschöpfungskette und beschrieb den Zusammenhalt innerhalb der Gummi-Community mit dem Branchen-Credo „Gummi klebt“ – als Sinnbild für das belastbare Netzwerk innerhalb der Kautschuk-Familie.
Kautschuk als strategischer Werkstoff
In den anschließenden Grußworten seitens des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie (WDK) rückte die industriepolitische Relevanz des Werkstoffs in den Mittelpunkt. WDK-Präsident Michael Klein bezeichnete Kautschuk explizit als kritischen „Strategiewerkstoff“, dessen nationale Bedeutung weit über klassische Automotive-Anwendungen hinaus reicht – bis in den an Bedeutung gewinnenden Defence-Bereich. Klein warnte vor dem drohenden Transfer von Kompetenzen und Fertigkeiten ins Ausland: „Die Fähigkeit, Kautschukmischungen zu entwickeln und hochpräzise zu verarbeiten, erfordert jahrelangen Know-how-Aufbau und muss am Standort Deutschland erhalten bleiben.“ Zugleich appellierte er denn auch an die Politik, angesichts hoher Energiepreise und instabiler Rohstoffketten unverzüglich wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
Mit rund 240 Teilnehmern unterstrich die DKG-Jahrestagung einmal mehr die Rolle der Fachgesellschaft als wichtige Plattform der gesamten Kautschukbranche.
(Bild: DKG / Stefan Wüsten)
WDK-Hauptgeschäftsführer Boris Engelhardt unterstrich die ökonomische Logik kollektiver Wissensgenerierung: „Wissen erweitern und teilen, dafür steht die DKG – und wenn Wissen geteilt wird, wird es nicht weniger.“ Die Synthese aus wissenschaftlicher Expertise und jahrzehntelanger Prozesserfahrung bilde das Fundament, um die künftigen Standortherausforderungen meistern zu können: „Die nächsten 100 Jahre liegen naturgemäß in der Zukunft. Zukunft kann man bauen, und genau das ist die Aufgabe der Industrie in Deutschland.“
Potenziale der KI für die Kautschukverarbeitung
Der Fachblock „Digitalisierung: KI, Datenmodelle, Simulationen – was der Branche wirklich nützt“ thematisierte die zielgerichtete Integration datengestützter Systeme in die Elastomerentwicklung. Der Einsatz Künstlicher Intelligenz darf in der Rezepturentwicklung und Elastomer-Evaluierung kein Selbstzweck sein, sondern muss Prozesszeiten verkürzen und Fehlversuche im Technikum reduzieren.
Dr. Clara Marie Lüders (Uni Hamburg) analysierte in ihrem Vortrag „KI im Unternehmensalltag“ das tatsächliche Leistungsspektrum algorithmischer Modelle. Sie stellte heraus, dass die Annahme, universelle KI-Algorithmen könnten in Zukunft komplexe Vulkanisationsprozesse ohne Branchenwissen steuern, illusorisch sei. KI-Systeme böten in der Datenanalyse zwar erhebliche Effizienzgewinne, führten jedoch zu Fehleinschätzungen, wenn mathematische Modelle ohne tiefes Polymerwissen angewendet würden. Die Zukunft liege in einer domänenspezifischen Integration, also einer gezielten KI-Anwendung unter strikter Einbindung polymerphysikalischer Gesetzmäßigkeiten.
Stand: 16.12.2025
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Maximilian Backenstos (Datenberg) zeigte praxisnahe Wege zur messbaren Prozessoptimierung mittels KI in Mischsälen und Vulkanisationsbetrieben auf. Er legte den Fokus auf den Mehrwert mit direktem Bezug zur realen Wertschöpfung: Klare Priorisierung von Anwendungsfällen, die Entwicklungszeiten verkürzen und Ausschussquoten senken.
Die fundamentale Hürde für eine funktionierende Digitalisierung benannte Dr. Stefan Pieper (VDI Technologiezentrum) in seinem Beitrag „Materialdaten: strukturiert, sicher, KI-ready“: Ohne standardisierte, konsistente und physikalisch valide Materialdatenbanken bleiben KI-gestützte Entwicklungsansätze wirkungslos.
Podiumsdiskussion: Wie behauptet sich die deutsche Kautschukindustrie im Wettbewerb?
Unter der Moderation von Dr. Christoph Sokolowski (WDK-Hauptstadtbüro Berlin) erörterte eine hochkarätige Podiumsrunde die strukturellen Rahmenbedingungen der Elastomerindustrie. Es diskutierten Thorsten Kühmann (VDMA) für den Maschinenbau, Dr.-Ing. Hagen Schönfeld (Continental) für die Reifenindustrie, Prof. Dr. Ruth Bieringer (Freudenberg) für die Materialtechnologie, Christina Guth (AZuR) für die Kreislaufwirtschaft und Dr. Hans-Joachim Graf (H-JG Consulting) für die verarbeitungstechnische Beratung.
Prof. Dr. Robert H. Schuster als Ehrengast auf der DKG-Jubiläumstagung. Prof. Schuster prägte die Kautschukforschung maßgeblich und gilt als einer der renommiertesten Wissenschaftler der deutschen Elastomerbranche.
(Bild: KGK / M. Gutbrod)
Die Debatte verdeutlichte, dass bürokratische Auflagen und administrative Pflichten gerade für mittelständische Elastomerverarbeiter eine Belastung darstellen. Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, müssen Betriebe Entwicklungszyklen verkürzen und innovative Werkstoffe schneller zur Serienreife führen, ohne von der Bürokratie ausgebremst zu werden. Hinzu kommen hohe Energie- und Standortkosten, der Wettbewerb aus China wird stärker, Deutschland ist geschwächt.
Im Rückblick auf die letzte Deutsche Kautschuk-Tagung (DKT), die 5.400 Fachbesucher anzog, wurde jedoch betont, dass die deutsche Kautschukkompetenz weltweit nach wie vor als Referenz gilt. Dieser Know-how-Vorsprung müsse jedoch in einem sich rapide verändernden Marktumfeld aktiv verteidigt werden. Für die künftige Branchenentwicklung wurden folgende Kernszenarien formuliert:
Verjüngung der Branche: Der aktuell hohe Altersdurchschnitt der Akteure erfordert eine beschleunigte Nachwuchsgewinnung, um einen drohenden Kompetenzverlust durch den Renteneintritt erfahrener Experten abzuwenden.
Prozessbeschleunigung und Exzellenz: Verarbeitungsbetriebe müssen ihre Reaktionszeiten in der Musterfertigung und Serienanlaufphase erhöhen, um im internationalen Preis- und Geschwindigkeitswettbewerb zu bestehen.
Erhöhung der Recyclingquote: Die Markt- und Regulierungserfordernisse verlangen eine signifikante Steigerung des Anteils qualitativ hochwertiger Rezyklate und Verwertungen von Gummimehl in Neumischungen.
Branchenkonsolidierung: Die geänderten Rahmenbedingungen führen zu M&A-Aktivitäten und Konsolidierungen; Unternehmensgruppen werden ihre Portfolios künftig straffer bündeln und in größeren Einheiten organisieren.
Verleihung der DKG-Promotionspreise und DKG-Ehrungen
Alle Preisträger der DGK-Ehrungen und -Auszeichnungen, der DKG-Promotionspreise sowie alle LaudatorInnen.
(Bild: DKG / Stefan Wüsten)
Ein besonderes Gewicht lag im Jubiläumsjahr auf der Nachwuchsförderung: Die beiden Träger des DKG-Promotionspreises präsentierten ihre prämierten Arbeiten in jeweils 15-minütigen Kurzvorträgen direkt dem Fachpublikum. Die DKG ehrte zudem in fünf weiteren Kategorien Preisträger für herausragende wissenschaftliche Leistungen und außergewöhnliches Engagement in der Kautschuk- und Elastomerbranche. Neu war die Ehrung eines innovativen Startup-Unternehmens, was die Zukunftsorientierung der DKG unterstreicht.
Der Weg zur zirkulären Kautschuk-Ökonomie
Der zweite Tag widmete sich der Transformation von linearen zu geschlossenen Werkstoffkreisläufen. In der von Sabine Bader (Ingenieurbüro Bader) geleiteten Session formulierte Christina Guth (AZuR-Netzwerkkoordinatorin) die Leitthese: „100 Jahre DKG – Die nächsten 100 Jahre sind kreisförmig“. Guth verdeutlichte, dass eine funktionierende Zirkularität die systematische Vernetzung von Rohstofflieferanten, Verarbeitern, Endanwendern und Recyclern voraussetzt.
Enrico Koggel (Circular Rubber Plattform) stellte eine Toolbox als praxisnahes Instrumentarium vor. Sie unterstützt Entwickler dabei, Devulkanisate und gummispezifische Rezyklate ohne unzulässige Eigenschaftseinbußen in anspruchsvolle Serienrezepturen einzubinden. Die regulatorische Dimension behandelte Alexandra Strimbu (BMW Group). Ihr Vortrag zeigte auf, wie mittelständische Zulieferer die strengen Nachweispflichten der EU-Lieferkettenrichtlinie durch strukturierte Datennetzwerke effizient umsetzen können.
Nachwuchsförderung: Fachkräfte der „Next Generation“
Der demografische Wandel stellt die Innovationskraft der deutschen Polymerforschung vor ernsthafte Herausforderungen. Dr. Christina Anger (IDW Köln) analysierte im MINT-Herbstreport 2025 die Lage am Arbeitsmarkt. Ihre Auswertungen belegen, dass die gezielte Gewinnung von MINT-Expertinnen ein entscheidender Hebel ist, um den drohenden Fachkräftemangel in den F&E-Abteilungen der Kautschkindustrie zu kompensieren.
In der von Prof. Rainer Kreiselmaier (Freudenberg) moderierten Podiumsdiskussion „Erfolgreiche Konzepte zur Nachwuchsförderung“ diskutierten Nachwuchs- und Unternehmensvertreter – darunter Julia Uth (DKG-Arbeitskreis Next Generation), Dr. Jennifer Kipke (Tesa) sowie Vertreter der Unternehmen Freudenberg und Allod – über wirksame Strategien zur Talentgewinnung. Ihre Best-Practice-Konzepte zur Fachkräftesicherung lauteten:
Frühzeitige Vernetzung: Aktive Einbindung von Studierenden und Berufseinsteigern über Nachwuchsplattformen wie den Arbeitskreis DKG Next Generation.
Positionierung als High-Tech-Sektor: Gezielte Kommunikation der technologischen Komplexität von Elastomeren (z. B. in den Feldern Zirkularität, Sensorintegration und digitale Materialentwicklung), um veralteten Branchenklischees entgegenzuwirken.
Strukturierter Wissenstransfer: Etablierung verbindlicher Mentoring-Programme in den Betrieben zur systematischen Weitergabe von implizitem Prozess- und Rezepturwissen alternder Leistungsträger.
Die Zukunft: Biobasierter Kautschuk und China-Wettbewerb
Die wissenschaftliche Schlusssession unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrich Giese (DIK) lieferte tiefe Einblicke in neuartige Materialkonzepte und globale Fertigungstrends. Die Referenten demonstrierten konkrete Wege zur funktionellen Weiterentwicklung und biobasierten Substitution von fossilen Rohstoffen.
Den kritischen und zugleich richtungsweisenden Schlusspunkt der Tagung setzte Peter Steinl (Shibaura Machine LWB) mit seinem „Blick in die Glaskugel“. Steinl zeichnete ein ungeschminktes Bild der globalen Wettbewerbssituation im Maschinen- und Anlagenbau: Insbesondere China habe die Jahre der Corona-Krise intensiv genutzt, um technologisch aufzurüsten und Marktanteile zu erobern, während sich der deutsche Maschinenbau auf den vergangenen Erfolgen ausgeruhte. Dabei habe sich die reine Grundmechanik von Gummispritzgießmaschinen kaum verändert, während sich das gesamte Prozessumfeld – von der Automatisierung über die Sensorik bis hin zur digitalen Steuerung –rasant weiterentwickelt.
Den kritischen und zugleich richtungsweisenden Schlusspunkt der Tagung setzte Peter Steinl (Shibaura Machine LWB) mit seinem „Blick in die Glaskugel“. Steinl zeichnete ein ungeschminktes Bild der globalen Wettbewerbssituation im Maschinen- und Anlagenbau: Insbesondere China habe die Jahre der Corona-Krise intensiv genutzt, um technologisch aufzurüsten und Marktanteile zu erobern, während sich der deutsche Maschinenbau auf den vergangenen Erfolgen ausgeruhte. Dabei habe sich die reine Grundmechanik von Gummispritzgießmaschinen kaum verändert, während sich das gesamte Prozessumfeld – von der Automatisierung über die Sensorik bis hin zur digitalen Steuerung –rasant weiterentwickelt.
Glanzvoller Jubiläumsabend: Netzwerken, Magie und Party
Die DKG feierte ihre große Jubiläumsfeier im lichtdurchfluteten Ambiente der Plaza Esperanto. Zauberer Nicolai Friedich (Mitte) sorgte für magische Momente.
(Bild: DKG / Stefan Wüsten)
Den stimmungsvollen Höhepunkt des ersten Tages bildete die große Jubiläumsfeier im lichtdurchfluteten Ambiente der Plaza Esperanto. Hier kamen alle Teilnehmer zusammen, um das 100-jährige Bestehen der DKG ausgelassen zu feiern. Während ein Zauberkünstler für magische Momente sorgte und eine Live-Band für Stimmung auf der Tanzfläche, stand vor allem das persönliche Netzwerken im Mittelpunkt. Eine rundum gelungene Geburtstagsparty für ein ganzes Jahrhundert Kautschukgeschichte.
Fazit und Ausblick
Die Jubiläumstagung in Fulda zeigte eine DKG, die ihr historisches Fundament als Auftrag für die Gestaltung des technologischen Wandels versteht. DKG-Geschäftsführer Prof. Baaser bilanzierte die Tagung in seinem offiziellen Statement: „Mit diesem Jubiläum blicken wir auf eine stolze Historie von 100 Jahren Kautschukforschung zurück. Gleichzeitig zeigt die enorme Resonanz auf unsere Jahrestagung in Fulda, dass die DKG bereit ist, die Transformation der Branche aktiv mitzugestalten – sei es durch den Einsatz digitaler Technologien oder die Entwicklung nachhaltiger Kreisläufe.“
Beim abschließenden Mittagssnack klang die Veranstaltung im intensiven Fachaustausch aus. Die DKG hat in Fulda unter Beweis gestellt, dass sie auch in ihrem zweiten Jahrhundert als wissenschaftlich fundierter, digital orientierter und ökologisch vorausschauender Impulsgeber der Elastomerindustrie agieren wird.