Tag der deutschen Kautschukindustrie Perspektivwechsel gegen den Stillstand

Von Matthias Gutbrod 7 min Lesedauer

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Beim Tag der Kautschukindustrie 2026 im Berliner Regierungsviertel attackierten die Verbände WDK und ADK die Konzeptlosigkeit der Bundesregierung scharf, während Experten düstere geopolitische Szenarien entwarfen. Angesichts steigender Energiekosten und blockierter Lieferketten lautet das neue Branchenmotto: Selbsthilfe statt staatlicher Unterstützung.

Mehr als 200 Branchenvertreter kamen Ende April zum Tag der Kautschukindustrie 2026 ins Steigenberger Hotel Am Kanzleramt in Berlin.(Bild:  WDK/Boris Trenkel)
Mehr als 200 Branchenvertreter kamen Ende April zum Tag der Kautschukindustrie 2026 ins Steigenberger Hotel Am Kanzleramt in Berlin.
(Bild: WDK/Boris Trenkel)

Auf der hochkarätig besetzten Jahrestagung im Steigenberger Hotel Am Kanzleramt verabschiedeten sich die mehr als 200 Branchenvertreter endgültig von der Hoffnung auf wirksame wirtschaftspolitische Impulse. Die Stimmung schwankte zwischen tiefer Sorge und entschlossener Aufbruchstimmung.  Michael Klein, Präsident des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie (WDK), warnte in seiner Eröffnungsrede eindringlich vor einem fortschreitenden Erosionsprozess der industriellen Basis. Der Verband rückte das Motto „Perspektivwechsel“ ins Zentrum, da die Hoffnung auf politische Reformen keine Option mehr darstellt. 

Branche muss sich aus eigener Kraft transformieren

„Wir müssen uns als Kautschukindustrie grundlegend ändern“, forderte Michael Klein in seiner kämpferischen Eröffnungsrede. Er bemängelte mit drastischen Worten, dass echte politische Entscheidungen zur Stärkung des schwer angeschlagenen Produktionsstandortes Deutschland seit Monaten komplett ausbleiben und stattdessen lediglich unzureichende Verschiebungen im Raum stünden.

„Wir müssen uns als Kautschukindustrie grundlegend ändern“, forderte WDK-Präsident Michael Klein in seiner kämpferischen Eröffnungsrede.
(Bild: WDK/Boris Trenkel)

Seine Kritik an der Untätigkeit der Bundesregierung gipfelte in einer pointierten zeitlichen Bilanz, die den tiefen Frust der Unternehmerschaft widerspiegelt: „Wir hatten den Herbst der Reformen. Dann muss aber auch der Winter der Umsetzung kommen. Jetzt haben wir fast Sommer und wir sind weiterhin nicht in der Umsetzung und wir sehen auch die Reformen nicht wirklich. Es macht ratlos zu wissen, was politisch getan werden müsste, aber keiner tut es und dies nun schon so lange.“

Die Botschaft an die versammelten Branchenvertreter war deutlich: Die Kautschukindustrie muss sich aus eigener Kraft transformieren, um im globalen Wettbewerb zu bestehen.

Alarmierende Zahlen der WDK-Mitgliederbefragung

Der dramatische Weckruf des WDK-Präsidenten basiert auf harten, alarmierenden Wirtschaftszahlen, die im Rahmen der traditionellen Mitgliederversammlung am Nachmittag offiziell untermauert wurden. Der WDK-Volkswirt Michael Berthel präsentierte der Branche die neuesten, ernüchternden volkswirtschaftlichen Kennzahlen und skizzierte die aktuelle Lage der deutschen Kautschukindustrie als äußerst kritisch. Die Umsatz- und Absatzentwicklung bei den Herstellern von Bereifungen und Technischen Elastomer-Erzeugnissen ist im gesamten Bundesgebiet überwiegend rückläufig. Auch für die heimische Produktion zeigt das ökonomische Zahlenwerk im Vergleich zum Vorjahr einen weiteren spürbaren Rückgang. „Dieser Trend ist ein klares Warnsignal“, betonte Berthel mit Blick auf die Daten.

Krisenherd Nahost belastet globale Lieferketten

Die ohnehin angespannte Gesamtlage der Branche wird durch die aktuellen weltpolitischen Verwerfungen massiv verschärft, wobei insbesondere der Konflikt im Iran die Branche belastet. Michael Klein und Dr. Sven Vogt, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes der deutschen Kautschukindustrie (ADK), diskutierten ausführlich über die gravierenden und lang anhaltenden Folgen dieses Krieges für die europäische Industrie.

Beide Verbandschefs übten dabei scharfe Kritik an der unberechenbaren und wankelmütigen Geopolitik der USA, die europäische Handelsinteressen massiv gefährdet. Michael Klein betonte, dass dieser Konflikt die Unternehmen noch lange beschäftigen wird, und stellte klar, dass sinkende Energiekosten in absehbarer Zeit nicht zu erwarten sind. „Die Energiepreise werden nicht absehbar nicht sinken und zahlreiche Rohstoffhersteller haben bereits die nächsten Preiserhöhungen angekündigt.“

Über die konkreten Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit sprach Boris Engelhardt, Hauptgeschäftsführer des WDK, mit dem Politikwissenschaftler und Iran-Experten Dr. Ali Fatollah-Nejad. Fatollah-Nejad beschrieb einen fragilen Waffenstillstand und eine strategische Sackgasse der USA, die zwar den Krieg beenden wollen, aber keine politische Lösung finden. Er warnte vor vorschnellem Optimismus.

Einen tiefen Einblick in die Dynamiken des Nahost-Konflikts gab der renommierte Politikwissenschaftler und Iran-Experte Dr. Ali Fatollah-Nejad (r.) im Gespräch mit WDK-Hauptgeschäftsführer Boris Engelhardt.
(Bild: WDK/Boris Trenkel)

Währenddessen habe das iranische Regime gelernt, die strategisch hochrelevante Meerenge von Hormus als effektives ökonomisches Druckmittel gegen den Westen zu nutzen. Durch eine beidseitige Blockade – Teheran blockiert die Durchfahrt, die USA blockieren die Ölexporte – sitzen derzeit eine vierstellige Zahl von Frachtschiffen fest, was die Rohstoffversorgung der Gummiindustrie massiv ausbremst. „Die Märkte finden kein Zurück zur Stabilität, wir müssen mit vielen Eskalationsphasen rechnen, eine haltbare diplomatische Lösung ist nicht in Sicht“, resümierte Fatollah-Nejad. Er empfahl den Unternehmen, sich auf dauerhafte Volatilität einzustellen.

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Das asiatische Jahrhundert hat begonnen

In der globalen wirtschaftlichen Betrachtung verschieben sich die Gewichte unaufhaltsam weg von Europa. Der amerikanische Ökonom Michael Weidokal, Gründer von International Strategic Analysis, bezeichnete die aktuelle Entwicklung als „asiatische Revolution“. Während die US-Wirtschaft trotz Pandemie und Zöllen durch ihren starken Technologiesektor erstarkt ist, stagniert Deutschland im internationalen Vergleich. Keine andere große Volkswirtschaft ist laut Weidokal seit Beginn der Corona-Pandemie langsamer gewachsen als die deutsche. Indien und China hingegen weisen Wachstumsraten auf, die Europa weit hinter sich lassen.

Besonders drastisch schilderte Weidokal die demografische Herausforderung Europas. „Der Bevölkerungsrückgang in Europa lässt sich auch mit Robotern nicht auffangen, Roboter kaufen keine Porsches und auch keine Babyschnuller“, mahnte Weidokal. Er warnte zudem vor der zunehmenden Unberechenbarkeit der USA, wo mittlerweile jeder Aspekt des Lebens politisiert sei. Die tiefe gesellschaftliche Spaltung zwischen Republikanern und Demokraten und das erratische Gebaren des US-Präsidenten mache die amerikanische Politik für europäische Partner schwer kalkulierbar. Diese mangelnde westliche Einigkeit erschwere es Europa zusätzlich, den asiatischen Herausforderungen adäquat zu begegnen.

Chinas technologisches Upgrade und Brüssels Blockade

Einen provokanten Blickwinkel auf das Verhältnis zu Fernost lieferte David Baumgart, Head of Government Relations Europe bei Xiaomi Technology. Er kritisierte den zunehmenden Protektionismus der EU, der versuche, strukturelle Schwächen durch Marktabschottung zu kaschieren. China sei längst auf Augenhöhe mit dem Westen. „Die Zeiten, in denen China minderwertige Ware produziert hat, sind vorbei – die Chinesen machen inzwischen alles genauso gut wie wir, nur billiger“, unterstrich Baumgart in seinem Vortrag.  Die Markenstärke europäischer Produkte schwinde merklich, während China als Deutschlands wichtigster Handelspartner neue Ansprüche anmeldet.

Die Branchenvertreter nutzten die Pausen zum intensiven persönlichen Austausch und informellen Netzwerken.
(Bild: WDK/Boris Trenkel)

Baumgart bezeichnete es als widersinnig, dass Europa Forschungskooperationen mit China genau in dem Moment zurückfährt, indem es technologisch von China lernen könnte. Während China früher von europäischem Know-how profitierte, stünden Kooperationen heute unter politischem Verdacht. Er bemängelte zudem, dass die EU durch wöchentlich neue protektionistische Maßnahmen versuche, den Wettbewerb zu begrenzen, anstatt die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. „China sucht nach Vertrauen statt nach immer neuen Regularien und reagiert auf die europäische Abschottung mit einer verstärkten Abspaltung und dem Aufbau eigener Standards“, so Baumgart. Südostasien sei als Marktalternative für Europa kaum geeignet, da China dort bereits massiv präsent ist.

Innovation und Eigenverantwortung als Lösung

Trotz dieser düsteren Rahmenbedingungen gab es Impulse für eine erfolgreiche Zukunft aus eigener Kraft. Wie ein Befreiungsschlag wirkte in der dichten Atmosphäre der mitreißende Vortrag „Mach doch einfach!“, den der bekannte Wissenschaftsvermittler Jacob Beautemps gemeinsam mit Dr. Volker Schmidt vom ADK gestaltete. Beide plädierten leidenschaftlich dafür, den lähmenden Pessimismus abzulegen und die Herausforderungen der Transformation mit mutiger, ingenieurmäßiger Kreativität anzugehen.

Im voll besetzten Tagungssaal war nicht länger die Frage, wann die Politik endlich mutige Reformen einleitet, sondern wie sich die Unternehmen unabhängig von staatlichen Entscheidungen erfolgreich behaupten können.
(Bild: WDK/Boris Trenkel)

Carsten Hartmann, Freudenberg Process Seals, und Christian Otto, Gummi Metall Technik, betonten in einer Podiumsdiskussion dann auch die Stärken der deutschen Kautschukindustrie. Der Fokus müsse auf neuen Produkten, Systemen und dem direkten Mehrwert für den Kunden liegen. Hartmann hob hervor, dass nachhaltiges profitables Wachstum nur über Innovationen entlang der Kundenbedürfnisse möglich sei. Prozesssicherheit und Standzeiten seien die Hebel, mit denen sich deutsche Hersteller weiterhin differenzieren können.

Wie erfolgreiche unternehmerische Praxis abseits politischer Rückendeckung konkret aussieht, diskutierten Branchenlenker am späten Nachmittag in einer lebhaften Podiumsdiskussion unter dem vielsagenden Titel „Unabhängig erfolgreich trotz Politik“. Als strategischer Königsweg für den deutschen Mittelstand kristallisierte sich dabei eine konsequente Nischenstrategie heraus. WDK-Volkswirt Michael Berthel betonte, dass die wirtschaftliche Zukunft der heimischen Werke vor allem in der kompromisslosen Diversifikation in kleine, hochspezialisierte Marktsegmente liege. Chancen bieten sich überall dort, wo spezifische Kundenanforderungen und maximales technologisches Know-how gefragt sind. „Langfristige Markttrends fordern diese Flexibilität ohnehin ein“, so Barthel.

So zeigte die Verbandsanalyse beispielsweise, dass die weltweiten Kapazitäten für den wichtigen Synthesekautschuk EPDM künftig deutlich oberhalb der globalen Nachfrage liegen werden, was den Preisdruck bei Standardqualitäten massiv erhöht. Nur wer sich durch Spezialisierung entzieht, überlebt den Verdrängungswettbewerb.

Netzwerken in der Berliner Wartehalle

Nach dem intensiven und inhaltlich fordernden Fachprogramm strömten die Teilnehmer am Abend in die Wartehalle Berlin, um den Tag beim traditionellen „Rubber Business Evening“ ausklingen zu lassen. In der geschichtsträchtigen Kulisse der Wartehalle herrschte eine spürbar gelöste und betont entspannte Stimmung. Die Branchenvertreter nutzten die Gelegenheit zum intensiven persönlichen Austausch und informellen Netzwerken bis tief in die Nacht hinein. Das Treffen unterstrich, dass die Kautschukindustrie gewillt ist, den notwendigen Perspektivwechsel zu vollziehen und ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, auch wenn der Rückenwind aus Richtung Kanzleramt derzeit eher flau weht.