Aktueller Konjunkturbericht des WDK Keine Erholung in der Kautschukbranche in Sicht

Verantwortliche:r Redakteur:in: Matthias Gutbrod 4 min Lesedauer

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Der aktuelle WDK-Wirtschaftsbericht liefert eine fundierte Analyse zur Lage der Kautschukbranche nach einem verlustreichen Jahr 2025. Er beleuchtet die massiven Standortrisiken sowie den wachsenden Wettbewerbsdruck durch Importe aus China. Der Bericht ruft die Unternehmen zu einem strategischen Perspektivwechsel auf, um sich aus eigener Kraft weiterhin am Markt behaupten zu können.

Während die Umsätze mit der Automobilindustrie deutlich zurückgehen, partizipieren die im Schienenverkehr als Zulieferer operierenden Kautschukverarbeiter am hohen Auftragsvolumen.(Bild:  stock.adobe.com - MiReh)
Während die Umsätze mit der Automobilindustrie deutlich zurückgehen, partizipieren die im Schienenverkehr als Zulieferer operierenden Kautschukverarbeiter am hohen Auftragsvolumen.
(Bild: stock.adobe.com - MiReh)

Das Geschäftsjahr 2025 markiert für die deutsche Kautschukindustrie eine Zäsur, in der Produktion und Beschäftigung das vierte beziehungsweise fünfte Jahr in Folge sanken. Allein in den Jahren 2024 und 2025 baute die Branche mehr als 8 % ihrer Arbeitsplätze ab, da Unternehmen Kapazitäten schließen oder ins Ausland verlagern mussten. Besonders alarmierend wirkt die Verschiebung auf dem Binnenmarkt, wo sich Auftragsvergaben für industrielle Gummiprodukte fast ausschließlich an Kostenfaktoren statt an der gewohnten Qualität orientierten. Inzwischen liegt das realistische Geschäftsvolumen im automobilen Sektor um etwa 25 % niedriger als noch vor der Pandemie.

Diese Entwicklung trifft vor allem Zulieferer von Komponenten für die E-Mobilität, da deutsche OEMs Aufträge zunehmend an globale Wettbewerber aus China vergeben. Chinesische Anbieter profitieren von staatlichen Subventionen und reagieren strategisch auf die deutschen Standortschwächen. Erstmals in der Geschichte sank der deutsche Export von Gummiprodukten im Jahr 2025 um 5,5 %, während China an die Spitze der Import-Rangliste rückte und sein Volumen um fast 25 % ausbaute. Die Branche steht damit vor der Herausforderung, den „Überlebensmodus“ durch gesteigerte Produktivität und neue Marktstrategien zu verlassen.

Eckdaten der deutschen Kautschukindustrie

(Bild: WDK)

Die Chancen liegen in der Nische

Trotz der Krise im Massengeschäft behaupten sich deutsche Verarbeiter in hochspezialisierten Anwendungsbereichen, die eine tiefe Expertise in der Mischungskomposition erfordern. Überall dort, wo extreme Beständigkeit gegen Hitze, Druck oder aggressive Medien gefragt ist, bleibt Spitzentechnologie „Made in Germany“ wettbewerbsfähig. Verarbeiter nutzen hier ihre Kernkompetenzen in der Fertigungstechnik, um physikalische Eigenschaften wie exakte Vibrationsdämpfung oder FDA-Konformität zu garantieren. „Wir sind, wie unsere Produkte, etwas ganz Besonderes und durch langjährige Erfahrung einzigartig. Und wir sind, wie unser Werkstoff, flexibel, reaktionsschnell und anpassungsfähig“, sagt Michael Klein, Präsident beim Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (WDK).

Besonders der Gesundheitssektor bietet ein dynamisches Wachstumsfeld, in dem der globale Markt für medizinische Gummiteile bis 2034 auf fast 9 Milliarden Euro anwachsen soll. Deutsche Hersteller besetzen hier wertvolle Marktanteile bei komplexen Formteilen wie Kathetern oder Implantaten aus hochreinem Silikon. Auch in der Schienenmobilität und der Aviation partizipieren spezialisierte Unternehmen an Rekordinvestitionen in die Infrastruktur und steigenden Auslieferungszahlen bei Verkehrsflugzeugen. In diesen Bereichen spielen Sicherheits- und Nachhaltigkeitsaspekte eine größere Rolle als der reine Preis, was die Position qualitätsorientierter Anbieter stärkt.

Zusätzlich gewinnt der Rüstungssektor an Bedeutung, wo Gummiprodukte für Dichtungs- und Schutztechnik in Militärfahrzeugen unverzichtbar sind. Spezialdichtungen für die Luft- und Raumfahrt sowie Kettenpolster für Panzer zählen zu den wachsenden Nischen. Diese Geschäftsmodelle basieren auf Schnelligkeit und hoher Kundenorientierung bei kleinen Stückzahlen, was den mittelständischen Strukturen der Branche entgegenkommt.

Nachhaltigkeit als Markttreiber: TPE und Recycling

Ein zentraler Baustein der künftigen Wettbewerbsfähigkeit ist die Transformation hin zur Kreislaufwirtschaft. Deutschland behauptet derzeit eine Führungsposition im Markt für TPE mit einem Anteil von 31,5 %. Experten erwarten für den europäischen TPE-Markt bis 2035 eine jährliche Wachstumsrate von 7,4 %.

Parallel dazu rückt das stoffliche Recycling von Altreifen in den Fokus, bei dem jährlich rund 600.000 Tonnen Material in Deutschland anfallen. Durch mechanische Zerkleinerung gewonnene Gummigranulate finden Einsatz in Sportböden, Fallschutzbelägen oder Schallschutzlösungen. Diese Form der Verwertung schont fossile Ressourcen und senkt die CO₂-Emissionen im Vergleich zur Neuwarenproduktion erheblich. Innovative Ansätze nutzen zudem Sekundärrohstoffe für die Herstellung von Konsumgütern, was neue Geschäftsfelder jenseits der klassischen Industriezulieferung eröffnet.

Allerdings bremsen bürokratische Hürden und eine fehlende Marktüberwachung die Expansion nachhaltiger Produkte. Die Branche investiert zwar weiterhin intensiv in Forschung und Entwicklung – im Durchschnitt fließen 5 % des Umsatzes in diesen Bereich –, doch Erweiterungsinvestitionen finden aufgrund der Standortbedingungen kaum noch in Deutschland statt. Stattdessen kanalisieren Verarbeiter ihre Budgets für neue Anlagen fast ausschließlich ins Ausland. Die Innovationskraft der Unternehmen dient somit vor allem der Sicherung des technologischen Vorsprungs, während die reale Produktion unter den hohen Energiekosten leidet.

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Standortpolitik und neue geopolitische Risiken

Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland erweisen sich zunehmend als Risiko für den industriellen Mittelstand. Ein prägnantes Beispiel ist die neue Trinkwasser-Verordnung, die Verarbeiter statt mit der bisherigen 36-seitigen Elastomerleitlinie nun mit 518 Seiten europäischer Rechtsakte konfrontiert. Dieser „Bürokratiedschungel“ führt dazu, dass sich erste deutsche Marktteilnehmer aus diesem Segment zurückziehen. Zudem verzerrt die unzureichende Marktüberwachung von Importen den Wettbewerb zuungunsten lokaler Produzenten, die hohe Standards einhalten.

Zusätzlich erschweren neue geopolitische Verwerfungen die Planung für das Jahr 2026. Der Beginn kriegerischer Auseinandersetzungen im Nahen Osten Ende Februar 2026 löste einen erneuten Energieschock und massive Preiserhöhungen bei Rohstoffen aus. Kritische Lieferwege wie die Straße von Hormus sind bedroht, was die Transportkosten in die Höhe treibt und die Versorgung mit Synthesekautschuk-Vorprodukten gefährdet. Aufgrund dieser Entwicklungen sind ursprüngliche Wachstumsprognosen für 2026 hinfällig geworden, da die konjunkturelle Kettenreaktion die gesamte Weltwirtschaft erfasst.

Perspektivwechsel als Überlebensstrategie

Angesichts ausbleibender politischer Entlastungen empfiehlt der WDK den Unternehmen einen Kurswechsel: Weg vom Hoffen auf externe Einsicht, hin zur konsequenten Selbsthilfe. „Weiter auf Wertschätzung durch Dritte zu warten, ist sinnlos“, konstatiert der Branchenbericht und markiert die Eigeninitiative als einzige logische Konsequenz. Die Verarbeiter müssen sich auf ihre Rolle als „Ermöglicher“ besinnen, deren Ideen und Produkte die moderne Welt überhaupt erst funktionsfähig halten. Statt in „depressivem Determinismus“ zu verharren, gelte es, den eigenen Handlungsspielraum durch Flexibilität und Innovationskraft mutig zu nutzen.

Quelle: WDK-Konjunkturbericht 2025